(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Der Stern"

W _ MV 





* % . . 




I 







Juni 1981 

107. Jahrgang Nummer 6 



,:■;■.. 



4 



Ä **! :r 



"SiiSsstKfcjt^' 



Veröffentlichung 

der Kirche Jesu Christi der 

Heiligen der Letzten Tage 



Juni 1981 
107. Jahrgang 
Nummer 6 



Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney. 

Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, LeGrand Richards, Howard W. Hunter, 
Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton, Bruce R. McConkie, 
L. Tom Perry, David B. Haight, James E. Faust. 

Berater: M. Russell Ballard, Rex D. Pinegar, Charles A. Didier, George P. Lee. 

Internationale Redaktion: M. Russell Ballard, Larry A. Hiller, Carol D. Larsen, Connie Wilcox, 
Roger Gylling. 

Der Stern: Übersetzungsabteilung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 
Im Rosengarten 25b, D-6368 Bad Vilbel, Telefon 06193/64017 und 64018. 

Nachrichtenredaktion: Holger G. Nickel, Im Rosengarten 25b, D-6368 Bad Vilbel, 
Telefon 06193/64056. 



Inhalt 

Dem Propheten folgen - Vierzehn Grundprinzipien. Ezra Taft Benson 1 

Mein Vater ist heimgekommen, weil meine Schwester gebetet hat. 

Deanne P. Smith 9 

Ein Nigerianer wird Mitglied der Kirche. Anthony Uzodimma Obinna 10 

„Segne doch die Lehrerin meines Kindes". Gladys C. Farmer 14 

Mit Ungemach fertigwerden. Steve Dünn Hanson 19 

Es ist gar nicht so schwer, anderen das Evangelium nahezubringen. 

Dee V. Jacobs 22 

Ein Bischof, ein Vater und ein Segelboot. David Hammond 26 

„Ein Licht auf einem Berg". Victor L. Brown 31 

Ein celestialer Missionar. John Jarvis 34 

Für Kinder 

Ein Gewitter in der Prärie. Dian Saderup 1 

Mein Zuhause ist bei Vater. Agnes Kempton 4 

Die Kinderstadt. Barbara Horngren 7 

Auf dem Umschlag: 

Bilder aus dem Zweig Aboh, dem ersten, der in Nigeria gegründet wurde. 
Vorderseite: Priestertumsträger (mit Eider James E. Faust) und die FHV-Leitung. 
Rückseite: FHV-Versammlung und Liedübung der PV- Kinder. 



Jahresabonnement : 

DM 21,60 durch Einzugsverfahren (bei Bestellung durch Zweige oder Gemeinden). 

Bei Direktbestellung an Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Stadtsparkasse Frankfurt 88666, BLZ 50050102. 

sFr. 22,80 an Citibank, Genf, Konto-Nr. 0/312750/007 Kirche Jesu Christi der Heiligen der 

Letzten Tage in der Schweiz. 

ÖS 144,— an Erste Österreichische Spar-Casse, Wien, Konto-Nr. 000-81 388, 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 10.00. 

© 1981 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. 

All rights reserved. 

i . -\ 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstraße 5-7, 
D-6000 Frankfurt am Main 50. 



Printed in the Federal Republie of Germany 



PBMA0584GE 



DEM PROPHETEN FOLGEN 

VIERZEHN GRUNDPRINZIPIEN 




Präsident Ezra Taft Benson 
vom Kollegium der Zwölf 



Liebe Brüder und Schwestern! Es ist mir 
eine Ehre, daß ich heute bei euch sein 
kann. Ihr, die Studenten, gehört zu einer 
erwählten jungen Generation — einer 
Generation, die durchaus die Wieder- 
kunft des Herrn erleben könnte. 
Die Kirche wächst gegenwärtig nicht 
nur zahlenmäßig, sondern nimmt auch 
an Glaubenstreue zu. Und was noch 
wichtiger ist: unsere junge Generation 
ist insgesamt glaubenstreuer als die älte- 
re Generation. Gott hat euch für die elfte 
Stunde zurückbehalten — für den gro- 
ßen und schrecklichen Tag des Herrn. Es 
wird eure Aufgabe sein, nicht nur das 
Reich Gottes zum Sieg zu führen, son- 
dern auch euch selbst zu erretten und 
danach zu streben, daß eure Angehöri- 
gen errettet werden. Außerdem sollt ihr 
die Grundsätze der Verfassung der Ver- 
einigten Staaten in Ehren halten. 
Ich möchte euch helfen, die entscheiden- 
den Prüfungen zu bestehen, die vor euch 
liegen, und so werde ich euch mehrere 



Gesichtspunkte eines wichtigen Schlüs- 
sels aufzeigen, wodurch ihr, wenn ihr 
entsprechend handelt, mit Gottes Herr- 
lichkeit gekrönt werdet und siegreich 
sein werdet, so sehr der Satan auch 
wüten mag. 

Bald werden wir den 85. Geburtstag 
unseres Propheten begehen. Wir singen 
in der Kirche das Lied „Wir danken dir, 
Herr, für Propheten" (Gesangbuch, Nr. 
67). Das ist der wichtige Schlüssel, näm- 
lich dem Propheten — dem Präsidenten 
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage — zu folgen. Dazu nun 
vierzehn Grundprinzipien. 

1. Der Prophet ist der einzige, 
der in allem für den Herrn spricht 

Im 132. Abschnitt des Buches , Lehre 
und Bündnisse' spricht der Herr im 7. 
Vers über den Propheten — den Präsi- 
denten — und sagt: 
„Es gibt auf Erden immer nur einen, 



dem diese Macht und die Schlüssel die- 
ses Priestertums übertragen sind." 
Und im 21. Abschnitt, V. 4-6 sagt der 
Herr: 

„Darum sollst du, nämlich die Kirche, 
allen seinen Worten und Geboten Be- 
achtung schenken, die er dir geben wird, 
wie er sie empfängt, in aller Heiligkeit 
vor mir wandelnd. 

Denn sein Wort sollt ihr empfangen, als 
sei es aus meinem eigenen Mund, voller 
Geduld und Glauben; 
denn wenn ihr das tut, werden die Pfor- 
ten der Hölle nicht obsiegen gegen 
euch." 

2. Der lebende Prophet 
ist für uns wesentlicher als 
die heiligen Schriften 

Präsident Wilford Woodruff hat eine 
interessante Begebenheit erzählt, die 
sich in den Tagen des Propheten Joseph 
Smith zugetragen hat: 
,,Ich will euch von einer Versammlung 
erzählen, bei der ich einmal in Kirtland 
zugegen war. In dieser Versammlung 
wurde einiges gesagt, was auch heute 
hier gesagt worden ist, und zwar in 
bezug auf die lebenden Propheten und 
das geschriebene Wort Gottes. Es wurde 
dort gerade der gleiche Grundsatz dar- 
gestellt — wenn auch nicht so ausführ- 
lich wie hier. Ein führender Bruder äu- 
ßerte sich nämlich folgendermaßen zu 
dem Thema: ,Ihr habt das Wort Gottes 
erhalten — hier in der Bibel, im Buch 
Mormon und im Buch , Lehre und Bünd- 
nisse'. Ihr habt das geschriebene Wort 
Gottes, und wenn Ihr Offenbarungen 
gebt, dann sollen sie diesen Büchern 
entsprechen, denn was darin geschrie- 
ben steht, ist das Wort Gottes, und 
darauf sollen wir uns beschränken.' 
Als er fertig war, sagte Joseph Smith zu 




Joseph Smith 



Brigham Young 



Brigham Young: , Bruder Brigham, äu- 
ßer du dich dazu und sag uns, wie du 
über die lebenden Propheten und das 
geschriebene Wort Gottes denkst.' Brig- 
ham Young trat aufs Podium. Er nahm 
die Bibel und legte sie hin; er nahm das 
Buch Mormon und legte es hin; er nahm 
das Buch , Lehre und Bündnisse' und 
legte es vor sich hin. Dann sagte er: ,Das 
ist das geschriebene Wort Gottes, an uns 
gerichtet. Es betrifft das Wirken Gottes 
seit Anbeginn der Welt bis — fast — auf 
unseren Tag.' Er fuhr fort: , Im Vergleich 
zu den lebenden Propheten bedeuten 
mir diese Bücher nichts. Sie enthalten 
nicht das Wort Gottes, das unmittelbar 
an uns heute gerichtet ist, wie das bei den 
Worten eines Propheten oder bei jeman- 
dem der Fall ist, der in unserer Zeit und 
unserer Generation das Priestertum 
trägt. Mir sind die lebenden Propheten 
lieber als alles, was in den Büchern 
geschrieben steht.' Das hatte er dazu zu 
sagen. Als er fertig war, sagte Joseph 
Smith zu der Versammlung: , Bruder 
Brigham Young hat euch das Wort des 
Herrn verkündet. Er hat Ihnen die 
Wahrheit verkündet'" (GK, Okt. 1897). 

3. Der lebende Prophet 
ist für uns wichtiger als ein 
verstorbener Prophet 

Aus den Offenbarungen Gottes an 
Adam konnte Noach nicht erfahren, wie 
er die Arche bauen sollte. Noach 
brauchte dafür selbst Offenbarungen. 
Darum ist, was euch und mich angeht, 




John Taylor 



Wilford Woodruff 



der wichtigste Prophet der jetzt lebende. 
Ihm offenbart der Herr gegenwärtig 
seinen Willen in bezug auf uns. Darum 
sind die Worte des Propheten, die wir 
jeden Monat in den Zeitschriften unse- 
rer Kirche lesen können, das Wichtigste, 
was wir überhaupt lesen können. Unser 
Marschbefehl für die nächsten sechs 
Monate ist jeweils in den Ansprachen 
von der Generalkonferenz enthalten, die 
in den Zeitschriften der Kirche abge- 
druckt werden. 

Hütet euch also vor denen, die die 
verstorbenen Propheten gegen die leben- 
den ausspielen wollen, denn die leben- 
den Propheten haben stets Vorrang. 

4. Der Prophet wird die Kirche 
niemals in die Irre führen 

Wilford Woodruff hat gesagt: 
„Ich sage euch Israel: Der Herr wird 
niemals zulassen, daß ich euch in die Irre 
führe. Er wird es auch keinem anderen 
Mann gestatten, der als Präsident der 
Kirche amtiert. Das entspricht nicht 
seinem Plan. Es ist nicht in Gottes Sinn." 
( The Discourses of Wilford Woodruff, S. 
212 f.) 

Präsident Marion G. Romney hat etwas 
erzählt, was er einmal erlebt hat: 
„Ich erinnere mich noch daran, wie vor 
Jahren — als ich noch Bischof war — 
Präsident (Heber J.) Grant zu unserer 
Gemeinde sprach. Nach der Versamm- 
lung fuhr ich ihn nach Hause ... Er 
stand neben mir, legte den Arm um mich 
und sagte: ,Mein Junge, blicke immer 



auf den Präsidenten der Kirche. Wenn er 
jemals etwas von dir verlangt, was falsch 
ist, und du tust es, wird dich der Herr 
segnen.' Dann, mit einem Augenzwin- 
kern: ,Aber du brauchst dir keine Sor- 
gen machen. Der Herr wird niemals 
zulassen, daß sein Sprecher das Volk in 
die Irre führt.'" (GK, Okt. 1960.) 

5. Der Prophet kann jederzeit über ein 
beliebiges Thema sprechen oder in einer 
beliebigen Sache etwas tun, 

ohne daß er dazu eine spezielle 
irdische Schulung oder 
irgendwelche Diplome braucht 

Manch einer meint, sein irdisches Wis- 
sen auf einem bestimmten Gebiet sei 
dem überlegen, was Gott seinem Pro- 
pheten dazu vom Himmel kundtut. Er 
meint, der Prophet müsse die gleiche 
irdische Schulung wie er, die gleichen 
Diplome erhalten haben. Andernfalls 
wollen sie nichts akzeptieren, was von 
ihm kommt und ihrem Wissen vielleicht 
widerspricht. Was besaß Joseph Smith 
denn an irdischer Bildung? Und doch 
hat er Offenbarungen zu Themen aller 
Art verkündet. Wir haben noch keinen 
Propheten mit irgendeinem Doktortitel 
gehabt. Wir haben durchaus nichts ge- 
gen irdische Bildung, doch vergeßt 
nicht: Stehet zum Propheten, falls es je 
einen Widerspruch zwischen dem irdi- 
schen Wissen und den Worten des Pro- 
pheten gibt, und ihr werdet gesegnet 
werden, und die Zeit wird euch recht 
geben. 

6. Der Prophet muß nicht sagen: 
„So spricht der Herr", 

um uns heilige Schrift zu verkünden 

Manch einer treibt gern Wortklauberei. 
Sie meinen beispielsweise, der Prophet 
habe uns Ratschläge erteilt; wir seien 



3 



aber nur dann verpflichtet, ihm zu fol- 
gen, wenn er sage, daß es ein Gebot sei. 
Der Herr sagt aber in bezug auf den 
Propheten: „Du sollst allen seinen Wor- 
ten und Geboten Beachtung schenken, 
die er dir geben wird" (LuB 21:4). 
Und in LuB 108:1 hat der Herr folgen- 
des darüber gesagt, daß man vom Pro- 
pheten Rat annehmen soll: 
„Wahrlich, so spricht der Herr zu dir, 
mein Knecht Lyman: Deine Sünden sind 
dir vergeben, weil du meiner Stimme 
gehorcht hast und heute morgen hier- 
hergekommen bist, um von demjenigen 
Rat zu empfangen, den ich bestimmt 
habe." 

Und Brigham Young hat gesagt: „Ich 
habe noch nie eine Predigt gehalten und 
den Menschenkindern gesandt, die nicht 
den Namen , heilige Schrift' verdient 
hätte" (Journal of Discourses, 13:95). 

7. Der Prophet sagt uns, 
was wir wissen müssen, 
aber nicht immer das, 
was wir hören wollen 

„Du hast uns Hartes verkündet, härter, 
als wir es ertragen können", klagten 
Nephis Brüder. Doch Nephi antwortete 
ihnen: „Der Schuldige meint, die Wahr- 
heit sei hart; denn sie trifft ihn ins Herz" 
(INe 16:1,2). 

Präsident Harold B. Lee hat gesagt: 
„Vielleicht gefällt Ihnen nicht, was von 
der Kirche mit Vollmacht verkündet 
wird. Vielleicht steht es im Widerspruch 
zu Ihren politischen oder gesellschaftli- 
chen Anschauungen. Vielleicht bedeutet 
es einen Eingriff in Ihr Privatleben . . . 
Ihre und unsere Sicherheit hängt jedoch 
davon ab, ob wir folgen . . . Richten wir 
den Blick auf den Präsidenten der Kir- 
che" (GK, Okt. 1970). 
Die Welt regt sich aber speziell über den 



<4fS» A 



*4k 



Lorenzo Snow 




Joseph F. Smith 



lebenden Propheten auf. Präsident Kim- 
ball hat einmal gesagt: „Selbst in der 
Kirche neigt manch einer dazu, die Grä- 
ber der Propheten von gestern zu 
schmücken und im Geist die lebenden zu 
steinigen" (Instructor, 95:257). 
Und warum? Weil vom lebenden Pro- 
pheten genau das kommt, was wir jetzt 
wissen müssen, während es der Welt 
lieber ist, wenn ein Prophet entweder tot 
ist oder sich um seine eigenen Angele- 
genheiten kümmert. Manche sogenann- 
te Experten der politischen Wissenschaf- 
ten sind dagegen, daß sich der Prophet 
zu politischen Fragen äußert. Und 
manch selbsternannte Autorität in Sa- 
chen Evolutionslehre ist dagegen, daß 
sich der Prophet zur Evolution äußert. 
Und sie sind gewiß nicht die einzigen. 
Unsere Glaubenstreue erweist sich da- 
durch, wie wir auf die Worte des leben- 
den Propheten reagieren, wenn er uns 
etwas sagt, was wir wissen müssen, aber 
lieber nicht hören würden. 
Präsident Marion G. Romney hat ein- 
mal gesagt: „Es ist leicht, an die toten 
Propheten zu glauben, aber es ist eine 
größere Sache, an die lebenden Prophe- 
ten zu glauben. Ich werde Ihnen ein 
Beispiel erzählen: 

Eines Tages, als Heber J. Grant noch 
lebte, saß ich nach einer Generalkonfe- 
renz in meinem Büro gegenüber dem 
Tabernakel. Ein Mann kam zu mir, ein 
älterer Mann. Er war sehr verärgert über 
das, was auf dieser Konferenz von ei- 
nigen der Brüder, einschließlich meiner 




Heber J. Grant 



George Albert Smith 



selbst, gesagt worden war. Ich merkte an 
seiner Aussprache, daß er ein Eingewan- 
derter war. Nachdem ich ihn so weit 
beruhigt hatte, daß er zuhörte, fragte ich 
den Mann: ,Warum sind Sie nach Ame- 
rika gekommen?' 

,Ich bin hierher gekommen, weil es mir 
ein Prophet Gottes gesagt hat.' 
,Wer war dieser Prophet?' fuhr ich fort. 
,Wilford Woodruff.' 
,Glauben Sie, daß Wilford Woodruff ein 
Prophet Gottes war?' 
,Ja', sagte er. 

, Glauben Sie auch, daß sein Nachfolger, 
Lorenzo Snow, ein Prophet Gottes war?' 
,Ja, das glaube ich.' 

, Glauben Sie, daß Joseph F. Smith auch 
ein Prophet war?' 
Jawohl.' 

Dann kam die entscheidende Frage: 
,Glauben Sie, daß Heber J. Grant ein 
Prophet Gottes ist?' 
Seine Antwort war: ,Ich glaube, daß er 
über die Altersversorgung seinen Mund 
halten sollte.' 

Nun sage ich Ihnen, daß ein Mensch mit 
einer solchen Haltung auf dem Weg zum 
Abfall vom Glauben ist. Er versperrt 
sich den Weg zum ewigen Leben. Und 
das tut jeder, der nicht dem lebenden 
Propheten Gottes folgen kann" (GK, 
Apr. 1953). 

8. Für den Propheten gelten nicht 
die Grenzen menschlicher Vernunft 

Es wird Zeiten geben, wo ihr euch entwe- 
der für die Offenbarungen Gottes oder 



für die menschliche Vernunft entschei- 
den müßt — entweder für den Propheten 
oder für den Professor. Der Prophet 
Joseph Smith hat einmal gesagt: 
„Was immer Gott fordert, ist recht, egal, 
was es ist, mögen wir auch den Grund 
dafür erst nachträglich und viel später 
erkennen" (Scrapbook of Mormon Lite- 
rature, 2:173). 

Würde es einem Augenarzt vernünftig 
erscheinen, wenn man ihm sagte, er solle 
einen Blinden heilen indem er auf die 
Erde spucke und aus dem Speichel einen 
Teig mache, dem Mann diesen Brei auf 
die Augen tue und ihn dann auffordere, 
sich in einem schmutzigen Teich zu 
waschen? Und doch ging Jesus Christus 
bei einem Mann genau in dieser Weise 
vor, und der Mann wurde geheilt (siehe 
Johannes 9:6,7). Erscheint es vernünftig, 
einen Aussätzigen zu heilen, indem man 
ihm sagt, er solle sich siebenmal in einem 
bestimmten Fluß waschen? Und doch 
forderte der Prophet Elischa einen Aus- 
sätzigen genau dazu auf, und der Aus- 
sätzige wurde geheilt. (Siehe 2Kön 5.) 
„Meine Gedanken sind nicht eure Ge- 
danken, und eure Wege sind nicht meine 
Wege — Spruch des Herrn. So hoch der 
Himmel über der Erde ist, so hoch 
erhaben sind meine Wege über eure 
Wege und meine Gedanken über eure 
Gedanken" (Jes 55:8,9). 

9. Der Prophet kann Offenbarungen 
zu jeder Angelegenheit empfangen, 
ob zeitlich oder geistlich 

Brigham Young hat einmal gesagt: 
„Einige führende Männer in Kirtland 
waren sehr dagegen, daß sich der Pro- 
phet Joseph Smith in zeitliche Angele- 
genheiten einmischte . . . 
In einer öffentlichen Versammlung der 
Heiligen habe ich gesagt: ,Ihr Ältesten 



Israels, . . . kann einer von euch so die 
Grenze ziehen zwischen dem, was im 
Reich Gottes geistlich und dem, was 
zeitlich ist, daß ich es begreife?' Das 
konnte nicht einer . . . 
Ich möchte den sehen, der imstande 
wäre, einem Propheten Gottes den Weg 
zu weisen oder aufzuzeigen, was ihm 
obliegt und wie weit er zu gehen hat, 
wenn er in zeitlicher und geistlicher 
Hinsicht Weisung erteilt. Zeitliches und 
Geistliches sind untrennbar miteinander 
verbunden, und so wird es immer blei- 
ben"' (Journal of Discourses, 10:363 f.). 

10. Der Prophet kann sich durchaus 
zu politischen Angelegenheiten äußern 

Wenn ein Volk rechtschaffen ist, 
wünscht es sich die Besten als staatliche 
Führer. Alma war im Buch Mormon das 
Oberhaupt der Kirche und des Staates. 
Joseph Smith war der Bürgermeister von 
Nauvoo, und Brigham Young war der 
Gouverneur von Utah. Jesaja hat sich 
sehr engagiert zu politischen Angelegen- 
heiten geäußert, und der Herr selbst hat 
gesagt: ,,Groß sind die Worte Jesajas" 
(3Ne23:l). 

1 1 . Zwei Gruppen fällt es am schwersten, 
dem Propheten zu folgen: 

den Stolzen, die gelehrt sind, 
und den Stolzen, die reich sind 

Wenn jemand gelehrt ist, meint er viel- 
leicht, der Prophet sei nur inspiriert, 
wenn er mit seiner Ansicht übereinstim- 
me. Sonst äußere der Prophet einfach 
nur seine Meinung und spreche als 
Mensch. Und der Reiche meint viel- 
leicht, er habe es nicht nötig, von einem 
Propheten, einem einfachen Mann, Rat 
anzunehmen. 

Im Buch Mormon lesen wir: 
„O welch schlauer Plan des Bösen! O 




David O. McKay Joseph Fielding Smith 

Eitelkeit und Schwäche und Narrheit 
der Menschen! Sind sie gelehrt, so den- 
ken sie, sie seien weise, und hören nicht 
auf den Rat Gottes; denn sie schieben 
ihn beiseite und meinen, sie selbst hätten 
Wissen; aber ihre Weisheit ist Narrheit 
und nützt ihnen nicht. Und sie werden 
zugrunde gehen. 

Und doch, es ist gut, gelehrt zu sein, 
wenn man auf Gottes Ratschläge hört. 
Und wer anklopft, dem wird er öffnen; 
und die Klugen und die Gelehrten und 
die, die reich sind, die sich aufblasen 
wegen ihrer Gelehrsamkeit und ihrer 
Klugheit und ihrer Reichtümer — ja, sie 
sind es, die er verachtet; und wenn sie 
dies nicht abwerfen und sich vor Gott als 
töricht erachten und in die Tiefen der 
Demut hinabsteigen, wird er ihnen nicht 
öffnen" (2Ne 9:28, 29, 42). 

12. Der Prophet ist in der Welt 

und bei denen, die weltlich gesinnt sind 

nicht unbedingt beliebt 

Wenn ein Prophet die Wahrheit offen- 
bart, findet eine Trennung statt. Wer im 
Herzen aufrichtig ist, beachtet seine 
Worte, während der Ungerechte den 
Propheten entweder nicht beachtet oder 
sich gegen ihn stellt. Wenn der Prophet 
die Sünden der Welt bloßstellt, wollen 
diejenigen, die weltlich gesinnt sind, den 
Propheten entweder mundtot machen 
oder so handeln, als sei er gar nicht 
vorhanden, statt von ihren Sünden um- 
zukehren. Die Wahrheit läßt sich nicht 
an ihrer Beliebtheit messen. Schon man- 




Harold B. Lee 



Spencer W. Kimball 



chen Propheten hat man getötet oder 
ausgestoßen. Und je näher das Zweite 
Kommen des Herrn rückt, desto 
schlechter werden die Menschen in der 
Welt, und desto unbeliebter wird der 
Prophet bei ihnen sein. 

13. Der Prophet und seine Ratgeber, 
bilden die Erste Präsidentschaft — 
das höchste Kollegium in der Kirche 

Im Buch , Lehre und Bündnisse' hat der 
Herr die Erste Präsidentschaft als höch- 
sten Rat der Kirche bezeichnet (siehe 
LuB 107:80) und gesagt: „Wer mich 
empfängt, der empfängt jene — die Erste 
Präsidentschaft — , die ich gesandt ha- 
be" (LuB 112:20). 

14. Wer dem Propheten und 
der Präsidentschaft 

— dem lebenden Propheten 

und der Ersten Präsidentschaft — 

folgt, wird gesegnet, 

wer sie verwirft, muß leiden 

Präsident Harold B. Lee hat folgende 
Begebenheit aus der Geschichte der Kir- 
che erzählt: 

„Von den ersten Tagen der Kirche — ich 
glaube, speziell von der Zeit in Kirtland 

— wird erzählt, daß einige führende 
Männer — Männer der präsidierenden 
Räte der Kirche — sich heimlich trafen 
und auf Pläne sannen, sich des Prophe- 
ten zu entledigen. Sie begingen den Feh- 
ler, Brigham Young zu einer dieser ge- 
heimen Zusammenkünfte einzuladen. 
Nachdem er den Zweck ihrer Zusam- 



menkunft vernommen hatte, wies er sie 
zurecht und sagte unter anderem: ,Ihr 
könnt nichts dagegen tun, daß jemand 
zum Propheten Gottes bestimmt wor- 
den ist. Ihr könnt nur das Band zertren- 
nen, das euch an den Propheten Gottes 
bindet, und euch selbst zur Hölle beför- 
dern'" (GK, Apr. 1963). 
Auf einer Generalkonferenz hat N. El- 
don Tanner gesagt: 

„Freitag morgen sagte uns der Prophet 
klar und deutlich, was unsere Aufgabe 
sei . . . 

Ein Mann hat daraufhin zu mir gesagt: 
,Wissen Sie, in unserem Staat glaubt 
mancher, er solle dem Propheten in allem 
folgen, was er für richtig hält. Wenn es 
aber um etwas geht, was er nicht für 
richtig hält und was ihm nicht gefällt, 
dann ist das etwas anderes.' Er hat ge- 
sagt: , Damit machen sie sich selbst zum 
Propheten. Sie entscheiden darüber, was 
der Herr wünscht und was er nicht 
wünscht.' 

Ich habe gedacht, wie wahr dies doch ist 
und wie schwerwiegend es ist, wenn wir 
anfangen, uns die Bündnisse und die 
Gebote auszusuchen, die wir einhalten 
und befolgen wollen. Wenn wir beschlie- 
ßen, daß wir einige davon nicht einhal- 
ten und befolgen werden, dann nehmen 
wir das Gesetz des Herrn selbst in die 
Hand und werden unser eigener Pro- 
phet. Und glauben Sie mir: Wir werden 
uns in die Irre führen lassen, denn wir 
sind uns selbst ein falscher Prophet, 
wenn wir nicht dem Propheten Gottes 
folgen. Nein, wir dürfen keine Unter- 
schiede zwischen diesen Geboten ma- 
chen in bezug darauf, welche wir halten 
wollen und welche nicht" (GK, Oktober 
1966). 

„Blickt hin zur Präsidentschaft und laßt 
euch unterweisen", hat der Prophet Jo- 



7 



seph Smith gesagt. (Teachings of the 
Prophet Joseph Smith, S. 161.) Almon 
Babbitt hat es aber nicht getan, und im 
Buch , Lehre und Bündnisse' sagt der 
Herr: 

„Und bei meinem Knecht Almon Bab- 
bitt gibt es vieles, was mir nicht gefällt; 
siehe, er strebt danach, seinen eigenen 
Rat durchzusetzen und nicht den Rat, 
den ich verordnet habe, nämlich den der 
Präsidentschaft der Kirche" (LuB 
124:84). 

Fassen wir diesen wichtigen Schlüssel 
zum Schluß zusammen — diese vierzehn 
Grundprinzipien dafür, wie man dem 
Propheten folgen soll, denn davon hängt 
unsere Errettung ab. 

1. Der Prophet ist der einzige, der in 
allem für den Herrn spricht 

2. Der lebende Prophet ist für uns 
wesentlicher als die heiligen 
Schriften 

3. Der lebende Prophet ist für uns 
wichtiger als ein verstorbener Pro- 
phet 

4. Der Prophet wird die Kirche nie- 
mals in die Irre führen 

5. Der Prophet kann jederzeit über 
ein beliebiges Thema sprechen 
oder in einer beliebigen Sache et- 
was tun, ohne daß er dazu eine 
spezielle irdische Schulung oder ir- 
gendwelche Diplome braucht 

6. Der Prophet muß nicht sagen: 
„So spricht der Herr", um uns 
heilige Schrift zu verkünden 

7. Der Prophet sagt uns, was wir 
wissen müssen, aber nicht immer 
das, was wir hören wollen 

8. Für den Propheten gelten nicht 
die Grenzen menschlicher Ver- 
nunft 



9. Der Prophet kann Offenbarungen 
zu jeder Angelegenheit empfangen, 
ob zeitlich oder geistlich 

10. Der Prophet kann sich durchaus 
zu politischen Angelegenheiten äu- 
ßern 

1 1 . Zwei Gruppen fällt es am schwer- 
sten, dem Propheten zu folgen: 
den Stolzen, die gelehrt sind, und 
den Stolzen, die reich sind 

12. Der Prophet ist in der Welt und 
bei denen, die weltlich gesinnt 
sind, nicht unbedingt beliebt 

13. Der Prophet und seine Ratgeber 
bilden die Erste Präsidentschaft - 
das höchste Kollegium in der Kir- 
che 

14. Wer dem Propheten und der Prä- 
sidentschaft - - dem lebenden Pro- 
pheten und der Ersten Präsident- 
schaft — folgt, wird gesegnet, wer 
sie verwirft, muß leiden 

Ich bezeuge: Diese vierzehn Grundprin- 
zipien dazu, wie man dem lebenden 
Propheten folgen soll, sind wahr. Wenn 
wir wissen wollen, wie gut wir vor dem 
Herrn dastehen, dann fragen wir uns 
selbst, was für eine Beziehung wir zu 
seinem irdischen Führer haben — inwie- 
weit unsere Lebensführung den Worten 
des Gesalbten des Herrn — des lebenden 
Propheten, des Präsidenten der Kirche 
— und denen des Kollegiums der Ersten 
Präsidentschaft entspricht. Gott segne 
uns alle, so daß wir in der entscheiden- 
den Phase, die vor uns liegt, den Blick 
auf den Propheten und die Präsident- 
schaft richten. Ich bete darum. D 



8 




Mein Vater ist 

heimgekommen, 

weil meine 

Schwester 

gebetet hat 

Deanne P. Smith 

An einem Samstagnachmittag verließen mein 
Vater und mein Bruder unsere Ranch, um 
eine Fuhre Holz zu sammeln. Mein Vater 
sagte meiner jüngeren Schwester, Elaine, und 
mir, wir sollten uns während seiner Abwesen- 
heit um die Ranch kümmern und unsere 
Arbeiten erledigen. 

Ich sollte zum unteren Feld hinuntergehen 
und die Milchkühe hereinholen, so daß sie bei 
seiner Rückkehr rechtzeitig im Stall zum 
Melken wären. 

Ich hatte eigentlich vor, hinzureiten und die 
Kühe zu holen, entdeckte aber, daß mein 
Pferd den Stall verlassen hatte und bei den 



Kühen auf dem unteren Feld war. Sonst war 
nur noch ein großes schwarzes Pferd da, und 
mein Vater hatte gesagt, darauf solle ich nicht 
reiten. Da ich aber zu träge war den ganzen 
Weg zum Feld und zurück zu Fuß zu gehen, 
beschloß ich, „ausnahmsweise" auf diesem 
Pferd zu reiten. Ich sattelte es, stieg auf und 
versuchte dann, hinter mir Elaine heraufzu- 
ziehen. Aber der Herr muß über sie gewacht 
haben: das Pferd blieb nicht lange genug still 
stehen, so daß sie hätte heraufklettern kön- 
nen. 

Ich versprach ihr, sie könnte auf meinem 
Pferd reiten, wenn ich wiederkäme, und 
machte mich auf den Weg, um die Kühe zu 
holen. 

Auf dem Rückweg verhedderte sich das Pferd 
in einem Stück Wickeldraht; es geriet in 
Panik, als es nicht sofort loskam, und warf 
mich ab. 

Beim Sturz verlor ich das Bewußtsein. Das 
nächste, was ich bewußt erlebt habe, war, daß 
ich auf dem Bett meines Bruders saß. Irgend- 
wie war ich nach Hause gekommen. Ich hatte 
mehrere Felder durchquert und war über 
mehrere Zäune gestiegen. Aus einer tiefen 
Wunde seitlich am Kopf strömte mir das Blut 
über das Gesicht, und meine linke Hand war 
nach hinten ausgerenkt. Außerdem hatte ich 
viele Schrammen und Schnittwunden. 
Als ich so allmählich zu mir kam, trat Elaine 
weinend ins Zimmer. Ich fragte sie, wo sie 
gewesen war, und sie sagte: „Ich habe zum 
Vater im Himmel gebetet, daß er Vati sagt, er 
soll nach Hause kommen und dich zum Arzt 
bringen." 

Zur gleichen Zeit, als dies geschah — so hat 
mein Vater es erzählt — , war er gerade dabei, 
ein Stück Holz zu zersägen. Da fühlte er, daß 
zu Hause etwas nicht in Ordnung sei. Er hörte 
mit der Arbeit auf und sagte zu meinem 
Bruder: „Komm, gehen wir nach Hause. 
Irgend etwas stimmt nicht." Kurz nachdem 
ich wieder zu Bewußtsein gekommen war, 
kam er. 

Ich bin zutiefst dankbar für meine Schwester 
und ihren vertrauensvollen, demütigen Glau- 
ben. D 




EIN NIGERIANER WIRD 
MITGLIED DER KIRCHE 



Anthony Uzodimma Obinna 



Dieser Artikel ist den Briefen von Antho- 
ny Obinna entnommen. Er handelt von 
ihm und von seiner Frau, Fidelia Njoky 
Obinna, den ersten Mitgliedern der Kir- 
che in Westafrika mit schwarzer Hautfar- 
be. Bruder Obinna war der erste Zweig- 
präsident, Schwester Obinna die FHV- 
Leiterin des ersten Zweigs der Kirche, der 
in Schwarzafrika gegründet wurde. 

Uzodimma ist der Name, den mir meine 
Eltern gegeben haben. Er bedeutet ,,der 
beste Weg" oder: „Wo der Weg gut und 
gewinnbringend ist, erkennt niemand 
den Führer an. Wo er aber schlecht ist 
und nichts einbringt, gibt jeder dem 
Führer die Schuld." 
Ich kam 1928 in Umuelem Enyiogugu in 



Aboh Mbaise (im Regierungsbezirk 
Owerri, Bundesstaat Imo) in Nigeria zur 
Welt. Meine Großeltern kannte ich 
nicht, ich hörte nur einiges über ihr 
Leben und wie sie gelebt haben. Mein 
Vater hieß Obinna Ugochukwu. Obinna 
bedeutet „jemand, der seinem Vater sehr 
teuer ist". Ugochukwu ist ein Wort aus 
der Ibo-Sprache und bedeutet „Gottes- 
gabe". Meine Eltern und Großeltern 
waren Götzenanbeter. Jedes Jahr ver- 
sprachen sie ihren Götzen Tiere wie 
Ziegen und Schafe, Hennen und Geflü- 
gel, dazu vieles andere, zum Beispiel 
landwirtschaftliche Produkte — all dies 
zum Schutz für ihr Leben und das ihrer 
Familie. Mein Vater hatte drei Frauen. 
Bei den Ibos ist es nämlich Brauch, daß 



10 



man so viele Frauen hat, wie man ver- 
sorgen kann. 

Mein Vater war ein einflußreicher 
Mann, ein Friedensstifter und Freund 
der Wahrheit. Er war Dorfrichter, und 
Böses und Lügen waren ihm verhaßt. Er 
war sowohl Bauer als auch Händler und 
in seinem Lebensstil sehr bescheiden. Er 
hatte 24 Kinder. Viele davon starben, als 
sie noch sehr klein waren. Elf Söhne und 
vier Töchter leben noch, und er hat sehr 
viele Enkelkinder. 

In dieser primitiven Zeit hat unser Volk 
die westliche Bildung verabscheut und 
jeden gehaßt, der ihnen gesagt hat, sie 
sollten ihre Kinder zur Schule schicken 
oder mit ihnen zur Kirche gehen. Sie 
fürchteten sich stets vor den Weißen und 
wollten sich ihnen nie zeigen oder in ihre 
Nähe kommen. Sie wollten, daß ihre 
Kinder zu Hause blieben und ihr Stück 
Land bestellten. Nur diejenigen in der 
Familie, die als unnütz galten, durften 
zur Schule oder zur Kirche gehen. Es 
war sehr schwierig, die Mädchen zur 
Schule zu schicken, denn ihre Arbeit 
trug zum Familienunterhalt bei. 
Ich war sehr gut daran, und ich konnte 
mir damals nicht vorstellen, was Gott 
noch alles für mich bereithielt. Ich war 
das fünfte Kind. Meine Eltern schickten 
mich 1937 in die Schule, als ein Besucher 
aus England mit meinem Vater gespro- 
chen hatte und er ihn nicht hatte verste- 
hen können. Damals beschloß mein Va- 
ter, mich zur Schule zu schicken. 1944 
erlangte ich die Hochschulreife. Doch da 
kam mit dem zweiten Weltkrieg eine 
schwere Zeit für uns. Es war schwierig, 
Arbeit zu bekommen, und so zog ich 
nach Jos im nördlichen Nigeria und 
begann eine Ausbildung als Lehrer. Da- 
mals war ich 17. Ein katholischer Prie- 
ster regte mich an, bei der Wolsey Hall in 



Oxford Fernunterricht zu nehmen. Ich 
interessierte mich sehr für Fächer wie 
Englisch und Geographie, Volkswirt- 
schaft und Geschichte, Religion und 
Gesundheitslehre, und ich schnitt bei 
den Kursen gut ab. 

1950 heiratete ich meine liebe Frau, 
Fidelia Njoku. Sie kam 1930 als Tochter 
von Nkoku Ugonabo und seiner Frau, 
Ekeoma, in Ibeku Okwuato im Regie- 
rungsbezirk Aboh Mbaise zur Welt. Ihre 
Eltern starben beide, als sie noch sehr 
jung war, und so blieb ihr eine Ausbil- 
dung verwehrt. Da sie Waise war und 
kleinere Geschwister zu versorgen hatte, 
trieb sie allerlei Kleinhandel, um den 
Lebensunterhalt zu verdienen. Sie muß- 
te viele Kilometer zurücklegen, um zu 
entlegenen Märkten zu gelangen. Sie 
hatte den katholischen Glauben ange- 
nommen und wurde in vielen Organisa- 
tionen zur Führerin bestimmt. Sie sagte 
mir, Gott leite alle ihre Angelegenheiten, 
weil sie so starken Glauben an ihn habe, 
und sie tue, was sie könne, um die 
Versuchungen des Teufels zu meiden. 
Während unserer ersten Ehejahre hatten 
wir infolge von Fehlgeburten allerlei 
Schwierigkeiten. Alle unsere Hoffnung 
richtete sich auf den göttlichen Schutz 
und den Rat unserer Ärzte. Es war alles 
sehr schwierig, und so wurde ich Händ- 
ler, während meine Frau den Laden 
führte. Sie war ehrlich und verdiente die 
Ehre und Bewunderung der Leute in 
unserer Umgebung, denn sie galt bei 
ihnen als gute Hausfrau und als Vorbild 
für die anderen Frauen. Es obliegt ihr 
seit jeher, Leuten aus allen Schichten 
gute Ratschläge zu erteilen, wann immer 
ihr Rat gebraucht wird, und sie setzt ihre 
Aufgaben in der Familie an die erste 
Stelle. 
1952 begann ich zu unterrichten und 



11 



unternahm große Anstrengungen, um 
meine Ausbildung fortzusetzen. Meine 
Frau wartete geduldig, während ich vier 
Jahre ein College besuchte, um mich als 
Lehrer ausbilden zu lassen. Ich übte als 
Lehrer eine wunderbare Tätigkeit aus. 
Ich wußte damals nicht, daß Gott eine 
Arbeit für mich bereithielt — neben 
meinen unbedeutenden Anstrengungen 
als Lehrer. 

Im November 1965 erschien mir im 
Traum jemand, der sehr groß war. In der 
rechten Hand trug er einen Wanderstab. 
Er fragte mich, ob ich in dem Buch Eines 
Christen Reise nach der Seligen Ewigkeit 
von John Bunyan über Christian und 
Christiana gelesen hätte. Ich sagte ihm, 
ich hätte es vergessen, und er sagte, ich 
solle es noch einmal lesen. Nach einigen 
Monaten erschien er mir erneut. Er 
führte mich zu einem wunderschönen 
Gebäude und zeigte mir alles darin. Er 
ist mir dreimal erschienen. 
Während des nigerianischen Bürgerkrie- 
ges waren wir gezwungen, zu Hause zu 
bleiben. Da fiel mir eine alte Ausgabe 
der Zeitschrift Reader' 's Digest vom Sep- 
tember 1958 in die Hände. Ich schlug sie 
auf und erblickte ein Bild von dem 
Gebäude, das mir im Traum gezeigt 
worden war. Ich erkannte es sofort. Die 
Überschrift lautete „Der Marsch der 
Mormonen". Das Wort „Mormonen" 
hatte ich noch nie gehört. Wegen des 
Bildes von dem Gebäude, das ich im 
Traum gesehen hatte, fing ich an, den 
Artikel zu lesen. Ich stellte fest, daß der 
ganze Artikel von der Kirche Jesu Chri- 
sti der Heiligen der Letzten Tage handel- 
te. 

Von dem Augenblick an, als ich den 
Artikel zu Ende gelesen hatte, hatte ich 
keine Ruhe mehr. Ich konnte nur noch 
an das denken, was ich da entdeckt 



hatte. Ich stürzte hinaus, um meinen 
Brüdern davon zu erzählen, und sie 
waren alle sehr erstaunt. 
Damals war gerade über ganz Nigeria 
eine Blockade verhängt, so daß ich kei- 
nen Brief an den Hauptsitz der Kirche 
schreiben konnte. 1971 wurde die 
Blockade aufgehoben, und ich schrieb 
einen Brief, um mehr zu erfahren. Man 
schickte mir ein Buch Mormon nebst 
Broschüren und Traktaten, darunter Jo- 
seph Smiths Zeugnis von der Wiederher- 
stellung des Evangeliums. Bruder La- 
Mar S. Williams war damals in der 
Missionarsabteilung der Kirche, und er 
teilte mir mit, daß man zum damaligen 
Zeitpunkt nicht die Vollmacht habe, die 
Kirche in Nigeria zu organisieren. Ich 
war zutiefst enttäuscht, doch der Heilige 
Geist trieb mich, noch weitere Briefe zu 
schreiben. Oft sah ich im Traum Missio- 
nare der Kirche, die über die Kirche 
sprachen. 

Man verfolgte mich und belegte mich 
mit Schimpfnamen. Ich wurde in ver- 
schiedener Weise verfolgt, aber ich küm- 
merte mich nicht darum. Ich wußte, daß 
ich die Wahrheit entdeckt hatte, und 
Drohungen konnten mich und meine 
Gruppe nicht erschüttern. So fuhren wir 
fort, Gott zu bitten, er möge uns die Tür 
öffnen. 

Eider W. Grant Bangerter antwortete 
auf einen Brief in der gleichen Weise: 
Die Kirche könne in Nigeria noch nicht 
organisiert werden, doch läge das den 
Führern der Kirche sehr am Herzen. 
Am 9. Oktober 1976 schrieb ich an Eider 
Bangerter: 

„Ich habe Ihren Brief vom 24. September- 
dankbar erhalten. Ich habe zur Kenntnis 
genommen, was Sie darin sagen. Wir sind 
keineswegs entmutigt, sondern werden 
unseren Glauben, den wir als wahr er- 



12 



kannt haben, weiterhin praktizieren . . . 
Wir sind sehr zuversichtlich, daß unser 
Herr, Jesus Christus, es der Kirche noch 
ermöglichen wird, konkretere Schritte zu 
unternehmen. Wir sind uns deutlich be- 
wußt, daß unser Glaube gegenwärtig ge- 
prüft wird. Wir tun alles, was wir können, 
um die Wahrheit bei vielen Kindern des 
Vaters im Himmel in diesem Teil der Welt 
zu verbreiten." 

Bruder Williams gab uns ein Programm, 
wonach wir sonntags vorgehen konnten. 
Wir hörten nicht auf zu beten, bis die 
Kirche am 21. November 1978 für die 
Schwarzen (in Afrika) offiziell zugäng- 
lich gemacht wurde — einschließlich der 
Vollmacht, das Priestertum zu tragen 
und die Verordnungen des Priestertums 
zu vollziehen. 

An dem genannten Datum tauften Eider 
Rendell N. Mabey, Eider Edwin Q. 
Cannon jun. und Eider A. Bruce Knud- 
sen 19 Personen. Man organisierte den 
Zweig Aboh mit Anthony Obinna als 
Präsident, seinen Brüdern Francis und 
Raymond als seinen Ratgebern und sei- 
ner Frau, Fidelia, als FHV-Leiterin. 
Präsident Obinna äußerte sich besorgt 
darüber, daß es nicht angebracht sein 
könnte, Mitglieder seiner Familie in 
diesen Ämtern zu haben, doch versicher- 
te ihm Eider Mabey, sie seien wegen 
ihrer Würdigkeit und nicht wegen ihres 
Verwandschaftsverhältnisses erwählt 
worden. Die neue Zweigpräsidentschaft 
schrieb der Ersten Präsidentschaft so- 
gleich einen begeisterten Brief: 
„Liebe Brüder! 

Alle Mitglieder der Kirche Jesu Christi 
der Heiligen der Letzten Tage in diesem 
Teil Nigerias danken Ihnen und den Heili- 
gen der Letzten Tage in der ganzen Welt 
voll Freude dafür, daß Sie die Tür geöff- 
net haben, wodurch das Evangelium in 



seiner Fülle zu unserem Volk kommen 
konnte. 

Wir sind glücklich über die vielen Stun- 
den, in denen Sie im Oberen Saal des 
Tempels den Herrn angefleht haben, er 
möge uns in die Herde der Kirche aufneh- 
men. Wir danken dem Vater im Himmel 
dafür, daß er Ihr und unser Beten gehört 
hat. Durch Offenbarung hat er den seit 
langem verheißenen Tag kommen lassen; 
er hat uns das heilige Priestertum ge- 
währt, mit der Macht, dessen göttliche 
Vollmacht auszuüben und uns jeder Seg- 
nung des Tempels zu erfreuen . . . 
Es besteht kein Zweifel daran, daß die 
Kirche hier wachsen und ein mächtiges 
Zentrum für die Heiligen werden wird und 
daß sie dem nigerianischen Volk genug 
Fortschritt bringen wird, wie sie es in der 
ganzen Welt tut." 

Ich bin mit einer demütigen und treuen 
Frau gesegnet, dazu mit sieben großarti- 
gen Kindern, die alle Mitglied der wah- 
ren Kirche auf Erden sind. Meine Kin- 
der haben alle eine Ausbildung erhalten. 
Meine erste Tochter und mein erster 
Sohn sind diplomierte Lehrer. Bonad- 
venture hat die fünfte Klasse der Ober- 
schule durchlaufen, Angella ist in der 
vierten Klasse der Oberschule, Stella 
Ego in der zweiten und Anastasia in der 
ersten. Der jüngste Sohn in der Familie 
geht ab September 1980 aufs College. 
Das Wichtigste, worüber wir daheim 
reden, ist „unsere Kirche". Sie lieben wir 
am meisten. Christus wacht über seine 
wahre Kirche, und die Mitgliederzahl 
nimmt Tag für Tag zu. Und ich bezeuge: 
Künftig wird die Zahl der Mitglieder der 
Kirche so groß sein wie der Sand am 
Meer. Gott ist groß, und er vollbringt 
Wunder. Keine menschliche Macht 
kann Gottes Werk in dieser Welt 
hindern. D 



„SEGNE 
DOCH DIE 
LEHRERIN 

MEINES 
KINDES" 



Gladys C. Farmer 



Von meinem ersten Tag in der Pri- 
marvereinigung kam ich tief beun- 
ruhigt nach Hause. Meine einzige 
Hoffnung war die gequälte Miene 
einiger anderer Lehrerinnen. Viel- 
leicht war es allen Kindern schwer- 
gefallen, sich nach den Ferien wieder 
einzuleben. Auch in der zweiten Wo- 
che kam ich völlig niedergeschlagen 
nach Hause. Ich hatte nicht ein 
einziges Mal das Gefühl gehabt, ich 
hätte das Ruder in der Hand. Das 
Anschauungsmaterial, das ich zu 
Hause gemacht hatte, hatte der gro- 
ben Behandlung nicht standgehal- 
ten. Die Jungen hatten sich auf die 
Stühle gestellt und versucht, durchs 
Fenster zu klettern, und die Mäd- 
chen hatten miteinander und mit 
den Jungen gestritten. 



14 















Meine erste Reaktion war, daß ich 
aufhören wollte. Kein Mensch 
konnte elf Monate mit diesen Acht- 
jährigen durchstehen. Aber ich war 
zu stolz, um aufzugeben. Ich unter- 
richtete, seit ich erwachsen war — in 
der Sonntagsschule und der Frauen- 
hilfsvereinigung, der GFV und im 
Seminar; außerdem hatte ich am 
College Englischunterricht erteilt. 
Nie hatte ich als Lehrerin versagt. 
Als mein Bischof mich gebeten hat- 
te, diesen Auftrag zu übernehmen, 
hatte er gesagt: „Ich glaube, diese 
Arbeit in der Primarvereinigung bie- 
tet Ihnen neue Möglichkeiten, gei- 
stig zu wachsen und sich zu entfal- 
ten." Und ob, mehr als das sogar! 
Diese Aufgabe machte mich demüti- 
ger und niedergeschlagener als jede, 
die ich bisher gehabt hatte. 
Ich schlief nur wenig in jener Nacht, 
und am nächsten Tag war ich mei- 
nen Kindern gegenüber gereizt. 
Schließlich erzählte ich meinem 
Mann von meinen Sorgen. Er hörte 
voller Mitgefühl zu und schlug mir 
eine sehr praktische Lösung vor: ich 
solle die Eltern von der schlechten 
Disziplin in Kenntnis setzen und den 
Schülern jede Woche Berichtskarten 
nach Hause mitgeben. Zuerst 
schreckte ich - - wieder aus Stolz — 
davor zurück. Ich hatte etwas gegen 
eine solche schulmäßige Atmosphä- 
re, und es war mir auch unange- 
nehm, anderen mein Versagen ein- 
zugestehen. Aber ich war nun ein- 
mal in einer verzweifelten Lage. So 
fertigte ich Karten an, worauf über 
das Verhalten in der Klasse berichtet 
wurde, und sprach taktvoll mit jeder 



15 



Mutter. Ich erkannte aber, daß dies 
nicht genügen würde. 
Das ungewohnte Berichtssystem 
verlor nach ungefähr einem Monat 
seine Wirkung, aber während dieser 
Zeit, wo es galt: „Sei still, oder . . .", 
hatte ich die Möglichkeit, meinen 
Unterricht zu halten und mein 
Zeugnis zu geben, eine Klassenparty 
zu planen und ein Dienstprojekt für 
eine Witwe zu organisieren. Ein Jun- 



Mein Bischof hat gesagt: 

„Diese Arbeit in der 

Primarvereinigung bietet 

Ihnen neue Möglichkeiten, 

geistig zu wachsen und 

sich zu entfalten." Und ob 

. . . Diese Aufgabe machte 

mich demütiger und 

niedergeschlagener als 

jede, die ich bisher gehabt 

hatte. 



ge in der Klasse, der vorher laut 
gewesen war, sagte zu seinem Nach- 
barn: „Hör auf, mich zu stören. 
Meine Mutter gibt mir was zum 
Naschen, wenn ich eine gute Be- 
richtskarte mitbringe." 
Die Wochen vergingen. Manche wa- 
ren besser, manche schlechter, doch 
war keine so katastrophal wie die 



beiden ersten. Ich stellte fest, daß 
ständige Abwechslung nützlich war: 
im Unterricht Spiel und Wettstreit, 
Filme und Puppentheater, dazu Be- 
suche außerhalb des Unterrichts so- 
wie häufig ein persönlicher, an die 
Familie des einzelnen Schülers ge- 
sandter Brief. Bis zur Jahresmitte 
hatten sie gelernt, mich zu achten, 
und was noch wichtiger war: ich 
hatte gelernt, sie zu lieben. 
Dann geschah etwas, was mich dazu 
veranlaßt hat, noch einmal über die 
ganze Situation nachzudenken. Ich 
wandte jede Woche sehr viel Zeit für 
meinen Auftrag in der Primarverei- 
nigung auf, aber noch viel mehr 
wandte ich für meine drei noch nicht 
schulpflichtigen Kinder auf. Auch 
sie verlangten mir viel ab, brachten 
aber auch Freude. Es war so gut, 
daß Sarah, unsere schüchterne, klu- 
ge und lebhafte Viereinhalbjährige, 
nun endlich gern zum Kindergarten 
ging. Wie dankbar war ich für Sa- 
rahs Lehrerin, denn sie hatte ihr 
besonders viel Liebe und Aufmerk- 
samkeit gewidmet. Sarah brauchte 
das, um ihre Schüchternheit zu über- 
winden. Ich freute mich auf die Zeit, 
da Clark, unser wilder Zweieinhalb- 
jähriger, in seine eigene Sonntags- 
schulklasse würde gehen können 
(das war vor dem Kompakt- Ver- 
sammlungsschema), so daß ich am 
Sonntagmorgen nur noch Rachel, 
unsere plappernde Einjährige, bei 
mir hatte. 

Ich war ganz hingerissen, als mein 
Mann einmal Sonntags von der 
Priestertumsversammlung nach 
Hause kam und die Begeisterung 



unserer neuen Heimlehrer schilder- 
te. Bruder Bowen hatte ihn bereits 
gefragt, wann sie kommen sollten, 
wobei sie uns helfen könnten und 
worüber sie mit den Kindern spre- 
chen sollten. Man merkt, daß er 
Bischof gewesen ist, dachte ich. Er 
weiß wirklich, worum es beim Heim- 
lehren eigentlich geht. 
Ich versuchte die Kinder darauf vor- 
zubereiten, indem ich ihnen Bruder 
Bowens Namen einprägte — er war 
gerade erst in unsere Gemeinde ge- 
zogen — und erklärte, daß er ein 
besonderer Freund sei, der zu uns 
kommen werde, um uns zu helfen 
und uns all das zu lehren, was wir 
wissen mußten, um gute Mitglieder 
der Kirche zu sein. 
Das Schicksal wollte es jedoch so, 
daß die Kinder in der nächsten Wo- 
che an Windpocken erkrankten. Sa- 
rah war zwar nicht richtig krank, 
doch war sie sehr müde und gereizt. 
Gleich nach dem Abendessen schlief 
sie im Sessel ein, und als es klingelte, 
rannte sie, noch ganz benommen, 
mit ihrem Bruder zur Tür. Als sie 
Bruder Bowen und seinen Partner 
sah, die ihr beide völlig fremd waren, 
rannte sie schluchzend aus dem Zim- 
mer. Mein Mann lief ihr eilig nach, 
um sie zu trösten, so daß ich und die 
zwei Kleinen zurückblieben, um die 
erstaunten Besucher zu begrüßen. 
„Sie hat gerade fest geschlafen, als 
Sie geklingelt haben", erklärte ich 
verlegen. „Es geht ihr im Augen- 
blick auch nicht gut. Normalerweise 
benimmt sie sich nicht so." Unsere 
neuen Heimlehrer waren wohlwol- 
lend und verständnisvoll, doch hatte 



ich mich auf diesen Besuch so ge- 
freut, daß ich richtig enttäuscht war. 
Ich sprach erst an dem Sonntag vor 
dem nächsten geplanten Besuch mit 
Sarah darüber. Ich erklärte ihr näm- 
lich, daß derjenige, der das Anfangs- 
gebet sprach, unser Heimlehrer sei 
und daß er uns wieder besuchen 
würde. Der Donnerstag kam heran, 
und Punkt sieben klingelte es. Dies- 
mal rannten Clark und Rachel zur 
Tür, während Sarah in der Küche 
blieb. 

„Jim, bitte sie herein", sagte ich leise 
zu meinem Mann. „Ich will sehen, 
ob ich Sarah dazu überreden kann, 
daß sie hereinkommt." 
„Schau mal, Liebes, sagte ich, 
„willst du Bruder Bowen und Pat 
nicht mal den Drachen zeigen, den 
ihr heute im Kindergarten gemacht 
habt?" Ich nahm das bunte Dreieck 
vom Anschlagbrett und gab es ihr. 
„Nein, ich will nicht", sagte sie 
bestimmt. „Ich bleibe einfach hier 
und male." 

„Ach bitte, komm doch herein zu 
den anderen. Du darfst auch bei mir 
auf dem Schoß sitzen." 
„Nein, will ich nicht." 
„Nun komm mal mit", sagte ich und 
gab nicht nach. Dabei hob ich sie 
sanft, aber entschieden hoch und 
trug sie ins Wohnzimmer, wo die 
anderen bereits saßen. 
„Hallo, Sarah, wie geht's dir denn 
heute?" sagte Bruder Bowen freund- 
lich zur Begrüßung. Dabei streckte 
er ihr die Hand entgegen. Sie wandte 
den Kopf ab und vergrub ihn in 
meiner Schulter. „Ich möchte dir 
und Clark heute abend etwas Beson- 



17 



deres erzählen", fuhr Bruder Bowen 
freundlich fort. Dabei setzte er sich 
auf den Fußboden. „Komm, setz 
dich mal her zu mir und sag mir, was 
das für ein Bild ist." 
Neugierig guckte Sarah nach dem 
großen Bild, das er aus einem Satz 
Bilder hervorzog. Es waren Kinder 
darauf, die andächtig dasaßen. Ich 
ließ mich rasch, mit Sarah auf dem 
Schoß, auf den Fußboden gleiten. 
„Jungen und Mädchen", sagte 
Clark laut. 

„Stimmt, junger Mann", sagte Bru- 
der Bowen freudig. „Und was ma- 
chen sie gerade?" 

„Sie stehen auf dem Kopf!" antwor- 
tete Sarah frech. 

„Sie verschränken die Arme", ant- 
wortete Clark, indem er die seinen 
verschränkte. 

„Großartig!" sagte Bruder Bowen 
lobend. „Und warum sind sie so 
still? In wessen Haus sind sie denn?" 
„Im Haus vom Weihnachtsmann", 
sagte Sarah. Ich wurde rot, weil sie 
absichtlich falsche Antworten gab. 
Sie benimmt sich genau wie meine 
PV-Jungen, dachte ich, und gibt 
absichtlich nur falsche Antworten. 
Nach der Lektion über die Andacht 
und das Familiengebet zog Bruder 
Bowen eine Tafel Schokolade, die 
mit einer Schleife umwickelt war, 
aus der Tasche. „Hier, Sarah, ich 
habe dir etwas zum Naschen mitge- 
bracht, was du mit deinem Bruder 
und deiner Schwester teilen sollst." 



Ich sah den sehnsüchtigen Blick in 
ihren Augen, aber sie schüttelte den 
Kopf. 

„Geben Sie's doch Clark", sagte sie 
mit trotziger Selbstverleugnung. 
„Danke!" sagte Clark laut und 
streckte die Hand aus. 
„Er ist ganz schön pfiffig, nicht 
wahr?" sagte Bruder Bowen, zu mir 
gewandt. 

„Ja, das sind sie alle", sagte ich 
abweisend. Als die Heimlehrer ge- 
gangen waren und Jim mit den Kin- 
dern in die Küche gegangen war, um 
die Schokolade aufzuteilen, stand 
ich mit Tränen in den Augen da und 
schaute auf die verschlossene Tür. 
„Bitte, Gott, laß nicht zu, daß er 
einfach aufgibt", betete ich im stil- 
len. „Ich weiß, sie hat sich schreck- 
lich aufgeführt, aber sie kann auch 
so artig und so lieb sein. Bitte hilf 
ihm, Geduld mit ihr zu haben und 
liebevoll zu ihr zu sein." 
Plötzlich sah ich die sechs kleinen 
Gesichter vor mir, die mir während 
der ersten vier Wochen in der Pri- 
marvereinigung so zuwider gewesen 
waren. „Meine Güte!" stieß ich her- 
vor, als mir plötzlich meine Treu- 
handschaft klar wurde. „Wie viele 
von ihren Müttern haben im vergan- 
genen September wohl gerade dar- 
um gebetet?" Seither bin ich in dem 
Entschluß nicht wankend gewor- 
den, mich geduldig und kreativ um 
alle zu kümmern, die ich unterrich- 
te. D 



18 



DER FREUND 
6/1981 




Es fröstelte Jennie, und sie wickelte Plane. Sie hatte Angst. Würde der 
sich noch fester in ihre Steppdecke große Planwagen dem wütenden 
ein. Sie schmiegte sich ganz nahe an Sturm widerstehen? Vater hatte ge- 
Susan. Draußen fegte der Wind wild sagt, auf der langen Reise zum Tal 
über die Prärie und riß an der weißen des Großen Salzsees werde der Plan- 



EIN GEWITTER 
DER PRÄRIE 




Dian Saderup 






..-■STV- - «:. 















wagen ihr Zuhause sein. „Aber was 
ist, wenn der Wind den alten Wagen 
zerstört?' 1 dachte sie, „wie werden 
Susan, unser Baby Sarah, Vater, 
Mutter und ich je dort hinkommen?' 
Obwohl es im Wagen kalt und unbe- 
quem war, bot er doch einen guten 
Schutz vor dem Sturm. Und er war 
auch groß genug, um das zu fassen, 
was Jennies Familie brauchte, um in 
Salt Lake City ein neues Zuhause zu 
schaffen. Sie hatten Vaters Werk- 
zeug und eine Pflugschar mit. Auch 
Mutter hatte viel eingepackt. Das 
wunderschöne Geschirr war sorgfäl- 
tig in Bettwäsche und Leinen ver- 
packt, damit es nicht zerbrach, wenn 
der Wagen über das Land holperte. 
Sie hatte auch Scheren, Zwirn und 
Nadeln eingepackt. Und neben Ge- 
treide- und Gemüsesamen gab es 
auch kleine Päckchen Blumensa- 
men. Schöne Blumen im Garten 
würden dazu beitragen, daß aus ih- 
rem neuen Haus ein Zuhause würde. 
Für Möbel hatten sie keinen Platz 
mehr, deshalb hatten sie Mutters 
geliebte Frisierkommode mit den 
Schnitzereien verkaufen müssen, 
ebenso Vaters Kommode und Su- 
sans Bettgestell. 

Jennie dachte an ihr schönes Haus in 
Nauvoo. Es war nicht leicht gewe- 
sen, von dort wegzugehen, aber 
grausame Männer hatten sie dazu 
gezwungen. Vater hatte ihr verspro- 
chen, daß sie eines Tages in den 
Rocky Mountains wieder ein Zu- 
hause haben und alle sicher und 
glücklich leben würden. Aber jetzt 
rollte der Donner über die Prärie, 
und der Wind heulte durch die 



Nacht. Jennie vergrub den Kopf im 
Kissen und wünschte sich, daß sie 
schon sehr bald sicher und glücklich 
leben könnten. 

„Schwester Quigley! Schwester 
Quigley!" Bruder Olenslagers Stim- 
me klang drängend. Durch die Wa- 
genplane konnte man seine Laterne 
flackern sehen. 

„Sind Sie noch wach? Sie müssen 
unbedingt kommen. Meine Frau be- 
kommt ihr Baby!" 
„Ja, Bruder Olenslager, ich bin noch 
wach, ich komme sofort." 
Jennie hörte, wie sich Mutter im 
kalten Dunkel des Wagens hastig 
ankleidete. Heute Nacht war Vater 
nicht da, er war nämlich an der 
Reihe das Vieh zu bewachen. 
Jennie wurde plötzlich bewußt, daß 
sie mit der vierjährigen Susan und 
Sarah, dem Baby, allein in dem 
großen Wagen sein würde. 

„Mama?" flüsterte sie. 
„Jennie, ich muß Schwester Olensla- 
ger helfen. Paß bitte auf die Kleinen 
auf, falls sie aufwachen." 
„Ja, Mama." Jennies Kehle war 
trocken, und sie konnte kaum spre- 
chen. Sie wollte rufen: „Mama, geh 
nicht fort. Ich habe Angst!" 

„Wenn ich morgen früh noch nicht 
zurück bin, Jennie, mußt du das 
Frühstück richten und den Wagen 
bis Tagesanbruch startbereit haben. 
Die Morgenglocke gibt das Zeichen 
zum Aufstehen." Dann stieg Mutter 
aus dem Wagen und ging durch den 
nächtlichen Regen zu Schwester 
Olenslager. 
Wumm! Direkt über ihr brach der 



Donner los und riß Susan aus dem 
Schlaf. „Mama!" weinte sie. 
„Sie ist nicht da", erklärte Jennie 
und versuchte, ihre erschreckte 
Schwester zu beruhigen. „Schwester 
Olenslagers Baby kommt und Ma- 
ma hilft ihr." 

„Mama, Mama", begann Susan zu 
schreien. „Ich habe Angst." 
Jennie nahm ihre kleine Schwester in 
den Arm und sagte leise: „Du 
brauchst keine Angst zu haben. Es 
ist alles in Ordnung. Ich bin ja bei 
dir. Der Sturm hat dich bloß aufge- 
weckt. Schlaf nur wieder ein." 
Jennie hielt das kleine zitternde 
Mädchen in den Armen und ver- 
suchte, ihre eigene schreckliche 
Angst zu verbergen. Trotzdem ka- 
men ihr die Tränen und fielen auf 
Susans blondes Haar. „Wenn Papa 
bloß hier wäre!" dachte sie bei sich. 
„Er lacht immer, wenn es stürmt.'"'' 
Jennie glaubte daran, daß Vaters 
Lachen lauter war als der Donner 
und seine Arme stärker als der 
Sturm. 

„Seh . . .", flüsterte Jennie. „Sei still, 
Susan." Aber die Kleine zitterte un- 
ter der Decke und war einfach nicht 
zu beruhigen. Bald wachte durch ihr 
Schluchzen auch das Baby auf und 
strampelte und weinte. 
Währenddessen wütete der Sturm 
immer heftiger, und der Regen pras- 
selte unaufhörlich auf die Plane. 
Weiß und grell zuckten die Blitze, 
und der Donner grollte und hallte 
über den Himmel. Kalte Angst 
packte Jennie. Es war ihr unmög- 
lich, mit ihren Schwestern zu reden 
oder sie zu trösten. Mutter hatte ihr 



aufgetragen, auf die Kleinen aufzu- 
passen, doch sie selbst hatte solche 
Angst. „Was kann ich nur tun?' 
fragte sie sich verzweifelt. 
Dann fiel Jennie ein, was ihr Vater 
ihr gesagt hatte, als sie noch in 
Nauvoo waren, nämlich, sie würde 
sich sicher bisweilen einsam fühlen 
oder fürchten. Vielleicht würde sie 
manches tun müssen, von dem sie 
glaubte, es nicht allein zu schaffen. 
Sie werde aber niemals allein sein, 
auch wenn er und Mutter nicht bei 
ihr wären. Er hatte ihr erklärt, der 
Vater im Himmel helfe ihr in schwe- 
ren Zeiten gern. Er wolle sie trösten, 
wenn sie sich fürchtete, und er sei 
gern bei ihr, wenn sie einsam sei. Sie 
brauche nur zu beten und ihn um 
Hilfe zu bitten, dann werde er ihre 
Gebete beantworten. 
Jennie überwand ihre Furcht, setzte 
sich auf und kniete neben ihren 
beiden Schwestern nieder. Dann bat 
sie den Vater im Himmel von gan- 
zem Herzen, sie selbst, Susan und 
Sarah zu segnen und während des 
Sturms bei ihnen zu sein. Nach dem 
Gebet schlüpfte sie wieder unter die 
Bettdecken. 

Bald waren Susan und Sarah neben 
ihr wieder fest eingeschlafen. Als sie 
so neben ihnen lag, spürte Jennie, 
wie die kalte Furcht aus ihrem Her- 
zen wich und einem warmen, ruhi- 
gen Gefühl Platz machte. Und auch 
sie schlief friedlich ein — es hatte sie 
ganz müde gemacht, auf das Don- 
nergrollen zu hören. D 



MEIN ZUHAUSE 
IST BEI VATER 



Agnes Kempton 








Greta warf den Enten, die schon 
ungeduldig auf ihr Frühstück war- 
teten, eine Handvoll Krumen hin. 
Aber sie war nicht so richtig bei der 
Sache. Ihr kam vor, daß das Haus- 
boot, das ihr Vater steuerte, noch nie 
so langsam durch den Kanal gefah- 
ren war. 

Ihr Vater drehte sich um und lächel- 
te ihr zu. „Hab noch ein bißchen 
Geduld, Greta. Wir sind bald bei 
Hans und Annie. Wir sind fast 
schon da." 

Seine Tochter nickte und sagte: 
„Weißt du, Annie hat heute Ge- 
burtstag und wir waren schon seit 
dem Geburtstag von Hans im Sep- 
tember nicht mehr bei ihnen. Ich 
kann es schon kaum noch erwarten, 
bis ich erfahre, was sie alles gemacht 
haben, seit wir das letzte Mal da 
waren." 

Papa sah plötzlich ein bißchen trau- 
rig aus. „Es wäre wirklich schön, 
wenn du öfter mit Kindern in dei- 
nem Alter Zusammensein könntest. 
Ich würde das gern ändern, aber im 




Moment können wir nur auf diesem 
Hausboot wohnen." 
„Das macht mir nichts, Papa", erwi- 
derte Greta. „Ich weiß ja, daß du das 
Gemüse und den Käse von den 
Bauern zum Markt nach Amster- 
dam bringen mußt. Außerdem kann 
nicht jedes Mädchen auf einem 
Hausboot leben." 

„Es hat keinen Sinn, Papa Sorgen zu 
machen, indem ich ihm sage, wie 
allein ich mich manchmal fühle, oder 
wie schrecklich lang die Tage manch- 
malsein können, wenn ich niemanden 
in meinem Alter habe, mit dem ich 
reden oder lachen kann."" Aber Greta 
hatte jetzt keine Zeit mehr, an derlei 
zu denken. Schon konnte sie Onkel 
Ludwig, Annie und Hans am Lan- 
deplatz winken sehen! 
Ein paar Minuten später fiel Greta 
den beiden Kindern um den Hals. 
„Es ist so schön, euch wiederzuse- 
hen!" rief sie. 

„Das ist mein schönstes Geburts- 
tagsgeschenk!" erklärte Annie. „Es 
ist schon so lange her!" 
Hans hätte nicht glücklicher sein 
können, wenn es sein eigener Ge- 
burtstag gewesen wäre. „Wir müs- 
sen schnell nach Hause", drängte er. 
„Wir müssen dir eine Überraschung 
zeigen, Greta." 

Onkel Ludwig und Gretas Vater 
waren so ins Gespräch vertieft, daß 
sie nicht darauf achteten, daß die 
Kinder auf einmal die staubige Stra- 
ße hochrannten. Es war nicht weit 
bis zu dem großen gelben Haus ganz 
oben auf dem Hügel. 
Tante Hilda wartete bei der Türe. 
Sie wischte sich die mehligen Hände 



an ihrer rotkarierten Schürze ab, 
dann nahm sie Greta in den Arm. 
„Wir freuen uns schon so lang auf 
dich", sagte sie. „Fein, daß du wie- 
der bei uns bist." 

Plötzlich hatte Greta einen Klum- 
pen im Hals und konnte kaum spre- 
chen. Wußten Annie und Hans ei- 
gentlich, wie gut sie es hatten, weil 
sie Vater und Mutter hatten? Wuß- 
ten sie ihr schönes Zuhause über- 
haupt zu schätzen? 
Ihre Tante buk gerade Poffertjes 
und gab jedem der Kinder einen von 
den kleinen runden Pfannkuchen. 
Sie waren noch heiß und reichlich 
mit Butter und Zucker Übergossen. 
„Und jetzt geht nach draußen", sag- 
te Tante Hilda, „Papa und ich haben 
etwas zu besprechen." 
„Wo ist die Überraschung, die ihr 
mir zeigen wolltet?" fragte Greta. 
Hans und Annie führten Greta 
schnell in eine Ecke des Gartens. 
„Hier ist sie", sagte Hans. 
Greta sah hübsche kleine Beete mit 
vielen farbenprächtigen Tulpen. 
„Ich habe die Blumen gepflanzt, und 
Hans hat den kleinen Kieselweg und 
den Fischteich angelegt!" rief Annie. 
„Er hat auch die kleine Windmühle 
gebaut!" 

„Der Garten ist wirklich schön!" 
rief Greta. „Es hat euch sicher Spaß 
gemacht, ihn anzulegen." 
Als die Kinder ins Haus zurückka- 
men, saßen die Eltern am Küchen- 
tisch. 

Onkel Ludwig räusperte sich. „Gre- 
ta, möchtest du den Winter über bei 
uns bleiben und mit den Kindern im 
Dorf zur Schule gehen? Dein Vater 



meint, du brauchst in deinem Alter 
ein beständigeres Zuhause, als er es 
dir geben kann." 

Gretas Vater nickte und erklärte: 
„Ich denke schon lange darüber 
nach, Greta. Ich wollte nur, daß 
auch Tante und Onkel einverstan- 
den sind." 

„Greta!" rief Annie. „Das ist toll!" 
„Wir werden jeden Tag zusammen 
sein", lachte Hans. 
Greta wurde auf einmal ganz leicht 
und glücklich zumute. Wurde ihr 
Traum jetzt wahr? 
Dann jedoch sah sie ihren Vater an. 
Plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie 
nicht von ihm wegkonnte. Und sie 
wußte, daß er trotz seines Lächelns 
sehr traurig war. „Er würde ohne 
mich sehr einsam sein", dachte sie. 
Greta ging zu ihrem Vater und legte 
ihre Hand in die seine. Dann sagte 
sie zu Onkel Ludwig: „Ich danke 
euch für eure Einladung, aber ich 
gehöre nicht wirklich zu eurer Fami- 
lie." Ihre Stimme wurde weich, als 
sie sich ihrem Vater zuwandte. „Pa- 
pa, wir sind eine Familie — du und 
ich — und ich möchte, daß es auch 
so bleibt." 

Ihr Vater sah sie erfreut, aber auch 
überrascht an. „Aber Greta, ich 
habe geglaubt, du würdest dich dar- 
über freuen. Ich will, daß du glück- 
lich bist." 

„Ich bin glücklich", erwiderte Gre- 
ta. „Es war lieb von Onkel Ludwig, 
daß er mich eingeladen hat, hier zu 
bleiben, aber ich möchte bei dir sein. 
Ich bin sehr glücklich, Papa — ich 
bin glücklich, daß ich deine Tochter 
bin. D 




Barbara Horngren 



4S 













In Helsinki in Finnland können 
Kinder vom Kindergartenalter an 
bis zu dreizehn Jahren einen „Füh- 
rerschein" machen. Natürlich dür- 
fen sie damit nicht auf den großen 
Straßen fahren, sondern nur auf den 
Straßen der Verkehrsstadt für Kin- 
der. In dieser Stadt gelten die glei- 
chen Gesetze wie auf den richtigen 
Straßen. 

Die Verkehrsstadt für Kinder wurde 
1958 errichtet und besteht aus einem 
kleinen Straßennetz von der Größe 



eines Fußballplatzes. Sie ist in Form 
einer Acht angelegt und hat Kreu- 
zungen, Zebrastreifen, Ampeln und 
eine große Kreuzung. Polizisten re- 
geln den dichten Verkehr mit den 
vielen Fußgängern, Fahrrädern und 
kleinen Tretautos. 
Großzügige Unternehmer und Tal- 
ja, die Organisation für Verkehrssi- 
cherheit in Finnland, haben die Au- 
tos gespendet. Die Stadt Helsinki 
hat das Grundstück und das Lager- 
haus zur Verfügung gestellt und die 
Straßen angelegt. 

700 bis 800 Kinder können täglich in 
die Kinderstadt kommen. Während 
der Schulzeit — von September bis 
Mai — werden dort von 10 bis 16 
Uhr Schulklassen unterrichtet. In 
den Sommerferien können die Kin- 
der kommen und sich im Fahren 
üben. Sie werden von richtigen Poli- 
zisten, meist von jungen Schutzleu- 
ten, unterrichtet, die dafür beson- 
ders ausgebildet sind. Die Kinder 
dürfen erst dann fahren, wenn sie die 
Fragen über Verkehrsregeln beant- 
wortet und bestimmte Aufgaben ge- 
löst haben. Dann darf jedes Kind bei 
einem Besuch 45 Minuten lang ein 
Auto lenken. Insgesamt muß ein 
Kind mindestens zwei Stunden lang 
gefahren sein, um einen Führer- 
schein zu bekommen. 
Die größeren Jungen und Mädchen 
können Hilfspolizisten werden und 
helfen, den Verkehr in der Kinder- 
stadt zu regeln. 

Die Verkehrsschule in Helsinki ist 
ein solch großer Erfolg, daß es schon 
mehrere solche Schulen im Land 
gibt und weitere geplant sind. D 



Ein Polizeilehrer demonstriert, 
wie Autos zusammenstoßen 
können, wenn die Verkehrsregeln 
nicht beachtet werden. 




Ein Kind hält an der Ampel an 



MIT 
UNGEMACH 
FERTIG- 
WERDEN 

Steve Dünn Hanson 




Vor über hundert Jahren schlössen sich 
meine Ururgroßeltern in Schweden der 
Kirche an, und es stand ihnen nun die 
lange Schiffsreise über den Ozean nach 
Amerika bevor, dazu die Bahnfahrt von 
New York nach Omaha und schließlich 
der Treck mit dem Wagen nach Salt 
Lake City. Als sie aber in New York in 
den Zug stiegen, entdeckten sie, daß sie 
in Viehwaggons fahren sollten, worin 
Schweine zum Markt transportiert wor- 
den waren. Die Wagen waren verdreckt 
und voller Schweineläuse. 

Großmutter fand sich mit den 
unbequemen Umständen ab, 
doch war die Demütigung für 
Großvater fast zuviel. „Als 
wenn wir nichts Besseres als 
Schweine wären", brummte 
er. Er machte die Fahrt trotz- 
dem mit, wenn auch widerwil- 

Hg- 



„Denn die kleine Last 
unserer gegenwärtigen 
Not schafft uns in 
maßlosem Übermaß ein 
ewiges Gewicht an 
Herrlichkeit" 
(2Kor 4:17). 



_..« t 



Großmutter erwartete gerade wieder ein 
Kind, und als sie in Omaha eintrafen, wo 
der lange Treck nach Westen beginnen 
sollte, machte sich Großvater Sorgen 
über ihre Gesundheit und die Sicherheit 
des Babys. Der Führer des Wagenzuges 
versicherte ihm jedoch, daß fähige Heb- 
ammen zur Verfügung stünden und daß 
alles gut gehen werde. So traten sie die 
Reise an. 

Irgendwo in der Prärie von Nebraska 
kam ein gesundes Baby zur Welt. Aber 
wenige Tage später erkrankte der drei- 
jährige Sohn an Cholera. Mitten in der 
Nacht ging Großvater zu einem benach- 
barten Wagen, um sich eine Kerze zu 
borgen, doch hieß es, man könne keine 
erübrigen. Er war zornig darüber, und 
so saß er wütend im Dunkeln da, seinen 
leblosen fiebernden Sohn in den Armen. 
Der Junge starb noch in derselben 
Nacht. 

Am nächsten Morgen sagte der Führer 
des Wagenzuges, man werde eine kurze 
Trauerfeier abhalten und den Jungen in 
einem flachen Grab bestatten. Entschul- 
digend erklärte er, man befinde sich in 
gefährlichem Indianergebiet und habe 
keine Zeit, mehr zu tun. Aber Großvater 
konnte sich damit nicht abfinden, son- 
dern beharrte darauf, daß er zurückblei- 
ben und ein Grab schaufeln wolle, das 
tief genug sei, so daß keine Tiere an den 
Leichnam herankämen. 
Er arbeitete den ganzen Tag und bis in 
die Nacht hinein. Er zimmerte einen 
stabilen Holzsarg und grub in dem har- 
ten Boden ein eineinhalb Meter tiefes 
Grab. Schließlich bestattete er schluch- 
zend und erschöpft seinen Sohn und 
ging dann die ganze Nacht zu Fuß, um 
den Wagenzug einzuholen. Er war ganz 
gebrochen und zugleich zornig auf den 
Führer des Wagenzuges, der nicht ge- 



wartet hatte, so daß sein Sohn ordentlich 
bestattet werden konnte. Und er war 
zornig auf Gott, der „zugelassen" hatte, 
daß sein Sohn starb. Als er seinen Wa- 
gen erreichte, schüttete er seiner Frau 
sein Herz aus, doch redete sie ihm begü- 
tigend zu: 

„Vater, wir müssen das beste daraus 
machen. Dem Baby und mir geht es gut, 
und gottlob, auch uns anderen geht es 
gut. Wenn uns bis zum Ende der Reise 
weiter nichts passiert, müssen wir dem 
Vater im Himmel dankbar sein. Wir 
haben uns der Mormonenkirche ange- 
schlossen, weil wir geglaubt haben, daß 
es die einzig wahre Kirche ist, und ich 
glaube noch immer daran, daß sie es ist. 
Wir sind nicht die einzigen, die auf dieser 
Reise Kummer und Beunruhigung erle- 
ben." (Aus der Lebensgeschichte von 
Hakan Hanson.) 

Damit waren ihre Schwierigkeiten aber 
noch nicht vorbei. Ihr Leben lang muß- 
ten sie noch viel Schweres durchmachen. 
Obwohl sie aber die gleichen Erfahrun- 
gen machten, ließen sie sich davon un- 
terschiedlich beeinflussen. Großvater 
zog sich in sich selbst zurück; er wurde 
zänkisch und verbittert. Er ging nicht 
mehr zur Kirche und nörgelte an den 
Führern der Kirche herum. Er kam von 
seiner Trübsal nicht mehr los und das 
Licht Christi wurde in seinem Leben 
immer schwächer. 

Im Gegensatz dazu wurde Großmutters 
Glaube fester. Jedes neue Problem 
schien sie stärker zu machen. Sie wurde 
ein Engel der Barmherzigkeit — einfühl- 
sam, voller Mitleid und Nächstenliebe. 
Den Menschen in ihrer Umgebung wur- 
de sie zum Vorbild. Ihre Familie fühlte 
sich zu ihr hingezogen und betrachtete 
sie als Führerin. 
Ich habe diese Lebensgeschichte immer 



20 



wieder gelesen und darüber nachge- 
dacht, wie gegensätzlich meine Urur- 
großeltern auf ihre Drangsal reagiert 
haben. Auch habe ich selbst Bedrängnis 
erlebt und habe mich in die Schrift 
vertieft, um besser verstehen zu lernen, 
wozu man Ungemach durchmachen 
muß. Zuerst war ich etwas verwirrt. In 
der Schrift scheinen Drangsal und 
Schwierigkeiten in einigen Fällen die 
Strafe für Sünde zu sein — die Folge von 
unrechtem Tun oder von unklugen Ent- 
scheidungen. Merkwürdigerweise habe 
ich aber mindestens ebenso viele Beispie- 
le gefunden, wo rechtschaffene Men- 
schen ebensoviel Schweres durchge- 
macht haben wie schlechte Menschen. 
Folgendes habe ich annehmen gelernt: 
Gottes Gesetze zu brechen, zieht unan- 
genehme Folgen nach sich — Ungemach 
— , und zuweilen läßt uns der Herr 
vielleicht mit Schwierigkeiten kämpfen, 
die uns die Möglichkeit bieten, bestimm- 
te Schwächen zu überwinden. Und mir 
ist auch klargeworden: Manches Schwe- 
re, was wir durchmachen, ist einfach die 
natürliche Folge davon, daß wir in einer 
telestialen Welt und nicht in einer cele- 
stialen leben. Weil wir einen telestialen 
Körper haben, unter telestialen Men- 
schen leben und weil unser Wissen und 
unsere Weisheit telestial sind, haben wir 
zwangsläufig Schwierigkeiten und Ent- 
täuschungen durchzumachen. 
Und was noch wichtiger ist: Es kommt 
darauf an, ob man ein celestialer 
Mensch sein kann, während man in 
einer telestialen Welt lebt. Unser Vor- 
bild ist Jesus Christus. Er hat von Joseph 
Smiths großer Drangsal gesprochen und 
zu ihm, dem Propheten, gesagt: „Wisse, 
mein Sohn, daß dies alles dir Erfahrung 
bringen und dir zum Guten dienen wird. 
Des Menschen Sohn ist hinabgestiegen 



unter das alles: bist du denn größer als 
er?" (LuB 122:7, 8.) 
Wie meine Großmutter vor so vielen 
Jahren versuche auch ich jetzt, mir weni- 
ger Gedanken darüber zu machen, was 
ich an Schwerem durchmache, sondern 
darüber, wie ich damit fertig werden 
will, was ich daraus lernen kann und wie 
ich Christus dadurch ähnlicher werden 
kann. Es hängt allein von mir ab, wie ich 
darauf reagiere — ob ich überwinde 
oder ob ich mich herausrede, ob ich 
ausharre oder aufgebe, ob ich mitfüh- 
lend oder verbittert werde. Und diese 
Entscheidungen sind mit ausschlagge- 
bend dafür, wie nahe meine Lebensfüh- 
rung der des Erretters ist. 
Der Apostel Paulus hat gut verstanden, 
in welchem Verhältnis das Ungemach 
und Erhöhung zueinander stehen. Er hat 
gesagt: „Von allen Seiten werden wir in 
die Enge getrieben und finden doch noch 
Raum; wir wissen weder aus noch ein 
und verzweifeln dennoch nicht; 
wir werden gehetzt und sind doch nicht 
verlassen; wir werden niedergestreckt 
und doch nicht vernichtet . . . 
Denn die kleine Last unserer gegenwär- 
tigen Not schafft uns in maßlosem Über- 
maß ein ewiges Gewicht an Herrlich- 
keit" (2Kor 4:8, 9, 17). 
Auch wenn uns das Ungemach, das wir 
durchmachen, bisweilen weder als „klei- 
ne Last" noch als „gegenwärtige" [d. h. 
vorübergehende] Not erscheint, können 
wir, sofern wir dem Beispiel Christi 
folgen, erkennen, daß unsere Fähigkeit 
und unser Wunsch, das Schwere zu 
überwinden, nicht nur größer werden, 
sondern daß wir auch in der richtigen 
Richtung Fortschritt machen. Jede 
Schwierigkeit kann uns einen Schritt 
näher zum Vater im Himmel bringen — 
sofern wir es zulassen. D 



Es ist gar nicht so schwer, 

anderen das Evangelium 

nahezubringen 



Dee V. Jacobs 




-n 



Jedes Mitglied ein Missionar! 
„Bestimmt, ich möchte ein Missio- 
nar sein, aber ich bin zu schüch- 
tern." 

„Das ist ja so schwer!" 
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll." 
„Ich möchte niemandem das Evan- 
gelium aufdrängen." 
Was würdet ihr dann von einer 
einfachen Methode halten, die es 
euch ermöglicht, Dutzende von 
Freunden und Bekannten mit der 
Kirche oder mit Grundsätzen des 
Evangeliums bekannt zu machen, 
und dabei gleichzeitig etwas für die 
Schule zu tun? 

Karen und Susan Jacobs aus Wal- 
nut Creek in Kalifornien hat dies 
viel Spaß gemacht. Es begann, als 
Karen die fünfte Klasse der ameri- 
kanischen Schule in Kopenhagen 
besuchte. Sie suchte nach einem 
Thema für eine ziemlich anspruchs- 
volle Arbeit über amerikanische Ge- 
schichte. Der Lehrer verlangte alles, 
was dazugehörte — Fußnoten und 
eine Bibliographie, Karten mit Noti- 
zen und mündliche Referate. Am 
schwersten fiel ihr die Wahl des 
Themas. Ihre Eltern schlugen ihr 
vor, den Treck der Mormonen nach 
Westen zu nehmen. 



„Warum auch nicht?" meinte sie. 
Sobald ein Anfang gemacht war, 
war es leichter, über dieses Thema zu 
schreiben als über die meisten ande- 
ren — mit all der Hilfe daheim, 
ihrem persönlichen Interesse und 
dem was sie in der Primarvereini- 
gung und der Sonntagsschule ge- 
lernt hatte. 

Kaum jemand in ihrer Klasse wußte 
etwas über die Mormonen, und das 
Referat, das viele interessante 
Punkte enthielt, setzte eine monate- 
lange lebhafte Diskussion in Gang. 
Und sie bekam eine Eins! 
Nachdem die beiden Schwestern die 
Methode erst einmal entdeckt hat- 
ten, wandten sie sie — mit Abwand- 
lungen — bei zahlreichen Gelegen- 
heiten an. In der achten Klasse ge- 
staltete Susan zum Beispiel einen 
Naturkundevortrag über die Aus- 
wirkungen des Rauchens besonders 
interessant, indem sie im Unterricht 
ein Kalbsherz sezierte. (Milo An- 
drus, der an der George-Washing- 
ton-Universität Medizin studierte, 
hatte ihr gezeigt, wie man die Schnit- 
te ausführt und wie das Herz funk- 
tioniert. Er hatte ihr auch Chirur- 
genhandschuhe und ein Skalpell ge- 
liehen.) Der anschauliche Vortrag 
des zierlichen Mädchens machte 
einen ziemlich starken Eindruck auf 
die Klasse, und zugleich wurde hier 
mit Nachdruck das Wort der Weis- 
heit erklärt. Dafür gab es eine Eins! 
Der Anschauungsunterricht mit 
dem Herzen wurde so gut aufge- 
nommen, daß Karen bei einem Vor- 
trag und einer Ausstellung über die 
Auswirkungen von Drogen das Ge- 



w 



/'S 






• '^f / 







„Es ist allgemein bekannt, 

daß jedes Mitglied der 

Kirche Missionar sein soll 

. . Jeder ist ein Licht, und 

jedem obliegt es, sein 

Licht nicht unter einen 

Scheffel zu stellen, 

sondern auf einem Hügel 

aufzustellen, damit jeder 

sich dadurch leiten 

lassen kann." 

(Zitiert in: Emerson Roy 

West, Profiles of 

the Presidents, S. 293.) 



hirn eines Kalbs verwendete und 
einen Preis gewann. Auch sie fügte 
eine leicht zu gebende und zu verste- 
hende Erläuterung zu einem Teil des 
Gesundheitsgesetzes des Herrn ein. 
Als Karen in die elfte Klasse der 
Washington-Lee-High-School in 
Arlington in Virginia ging, fand sie 
in ihrem Geschichtsbuch eine abfäl- 
lige Darstellung des Propheten Jo- 
seph Smith und der Kirche, worüber 
sie sehr wütend war. Joseph Smith 
wurde darin als umherziehender 
Farmer beschrieben, der nach ver- 
borgenen Schätzen grub. Sie machte 
ihren Lehrer auf die Fehler auf- 
merksam, und er fragte sie, ob sie 
Lust habe, im Unterricht einen Vor- 
trag über die frühe Geschichte der 
Kirche zu halten. Karen holte tief 
Luft und willigte ein. Als Ergebnis 
davon kam ihr in diesem Jahr zu 
haltendes Referat zustande. Mit Hil- 
fe von Joseph Smiths Lebensge- 
schichte und anderen Ergänzungen 
kam genau das Richtige heraus. 
Schließlich brauchte sie die ganze 
Unterrichtszeit. Der Lehrer bat Ka- 
ren sofort, das Referat in seinem 
Nachmittagskurs zu wiederholen. 
Dutzende von nachdenklichen Fra- 
gen kamen auf. Dies führte dazu, 
daß die Missionare gebeten wurden, 
mehr Erklärungen zu geben. 
Von den 800 Schülern waren zwar 
nur drei Mitglieder der Kirche, doch 
durfte Karens Klasse in Staatsbür- 
gerkunde vier mündliche Referate 
über die Kirche betreffende Themen 
hören. Karen sprach über die Ver- 
einigte Ordnung, Mike Miller über 
ernährungswissenschaftliche Ge- 



24 



Sichtspunkte im Wort der Weisheit 
und Mark Forsyth über die Verwal- 
tung der Kirche. Als besondere Zu- 
gabe hielt eine Nichtmormonin, die 
den Tempel in Washington vor der 
Weihung besucht hatte und davon 
sehr beeindruckt war, mit Hilfe ihrer 
Freundinnen ein Referat über die 
Mormonen als Tempelbauer. 
Die Bereitschaft von Karen, Susan 
und ihren Freunden, es mit dieser 
Methode zu versuchen, hatte weit- 
reichende Auswirkungen. Praktisch 
jeder in der Schule kannte sie als die 
Mormonen. Da sich die Schule in 
einem größeren Vorort von Wa- 
shington D. C. befand, bestand die 
Schülerschaft zum großen Teil aus 
den Kindern von ausländischen Di- 
plomaten, von Kongreßabgeordne- 
ten, hohen Offizieren und Regie- 
rungsbeamten. Dennoch gab es in 
der Schule Drogenmißbrauch, rohe 
Sprache und Unkeuschheit. Klei- 
dungsvorschriften gab es nicht, und 
Hunderte von Schülern hatten keine 
festen Grundsätze, keine Ideale. Die 
wenigen Heiligen der Letzten Tage 
wurden jedoch von Lehrern und 
Schülern gleichermaßen um dessen 
willen geachtet, woran sie glaubten. 
Keiner wurde verspottet oder belä- 
stigt. Wenn es galt, schädliches Tun 
zu meiden, war es sogar sehr nütz- 
lich, daß man sagen konnte: „Du 
weißt ja, Mormonen dürfen das 
nicht." 

Karen und Susan waren also schon 
früh bereit, in Evangeliumsthemen 
gründlich einzudringen und die Leh- 
ren der Kirche anderen nahezubrin- 
gen. Vielleicht ist dies mit Grund 



dafür, daß Karen ihr Studium an der 
Brigham-Young-Universität unter- 
bricht, um eine Mission in Spanien 
zu erfüllen, und warum Susan in 
wenigen Monaten ihre Berufung 
zum Missionsdienst erhalten wird. 
Ein bedeutender Prophet des Herrn 
hat jedes Mitglied aufgerufen, ein 
Missionar zu sein. Könnt ihr euch 
vorstellen, wie es sich auf die Lehrer 
und die Schüler auswirken würde, 
wenn jeder HLT-Schüler nur einmal 
im Jahr eine Arbeit über die Kirche 
schreiben oder einen Vortrag dar- 
über halten würde? Selbst in Gebie- 
ten, wo viele Mitglieder der Kirche 
leben, haben viele von den Andern 
noch nie etwas aus erster Hand über 
unsere Lehren gehört. Gibt es eine 
leichtere Methode, wie ihr größere 
Schritte machen und Präsident Kim- 
ball erfreuen könnt? Versucht es 
doch einmal so. Um den Wahl- 
spruch im Büro unseres geliebten 
Propheten zu zitieren: ,,Tu es!" D 



EIN BISCHOF, 

EIN VATER 

UND EIN SEGELBOOT 



David Hammond 



Ich trommelte mit den Fingern auf die 
dünne Armlehne des Holzstuhls. Dann 
drehte ich mich nach rechts und blickte 
auf das Foto von der Ersten Präsident- 
schaft, das an der hellblauen Wand hing. 
„Ruhig Blut", sagte ich mir. Schließlich 
hatte ich selbst um dieses Gespräch 
gebeten. Ich konnte hören, wie die ver- 
traute Stimme lauter wurde, als der 
Bischof aus dem Büro des Sekretärs 
kam, durch den Flur ging und herein- 
kam. Er lächelte und sagte: „Na, Henry, 
wie geht's?" 

„Prima, wirklich prima", sagte ich laut, 
während ich verzweifelt dachte: „Wozu 
bin ich eigentlich hier?" 
Bischof Neumeyer zog seinen schweren 
Stuhl hinter dem massiven, dunklen 
Schreibtisch hervor, stellte ihn neben 
den meinen und lächelte wieder. Bischof 
Neumeyer war ein großer und sehr rund- 
licher Mann, und wenn er lächelte, 
schien der ganze Körper mit dem Ge- 
sicht mitzustrahlen. Ich sonnte mich 
einen Augenblick in all dieser Wärme 
und sagte dann: „Eigentlich, Bischof, 
sieht nicht alles so großartig aus. Ich 
habe viel über unser Gespräch vom 
letzten Monat und viel über eine Mis- 
sion nachgedacht. Und, nun ja, ehrlich 



gesagt, ich kann einfach nicht gehen." 
„Du meinst, du kannst nicht gehen?" 
„Stimmt. Ich bin 23. Wenn ich zurück- 
komme, bin ich 25. Ich wäre zu alt." 
„Zu alt wofür?" 

„Hören Sie mal, Bischof, Sie wissen 
doch, daß ich gerade mein Studium 
abgeschlossen habe. Ich verstehe ziem- 
lich viel von Botanik. Wie kann ich mit 
jemandem zusammenarbeiten, der noch 
die Schulbank gedrückt hat, als ich mich 
längst mit Professor Gottliebs fortge- 
schrittener Pflanzenpathologie befaßte? 
Ich könnte Ihnen zum Beispiel alles über 
Weizenkeime erzählen, alles, was Sie nur 
wissen wollen." 

Bischof Neumeyer schaute mich einen 
Augenblick an. Dann beugte er sich vor 
und fragte freundlich: „Ist das vielleicht 
der Grund?" 

Auf diese Frage war ich nicht gefaßt. Ich 
hatte auf ein fröhliches Lächeln und 
darauf gehofft, daß er mir bereitwillig 
zustimmen würde. „Eigentlich schon. 
Der Hauptgrund", stammelte ich. „Ich 
meine grundsätzlich." 
„Henry, wir beide haben doch schon 
einige Male ernsthaft miteinander gere- 
det. Sag mal, was für Gründe hast du 
außer diesem Hauptgrund denn noch?" 



26 




„Ich habe viel über unser Gespräch vom letzten Monat und viel 
über eine Mission nachgedacht. Und, nun ja, ehrlich gesagt, ich 

kann einfach nicht gehen." 



Der Stuhl quietschte, als sich Bischof 
Neumeyer zurücklehnte. 
„Ach, Sie wissenja." Ich legte die Hände 
auf die Schenkel und sammelte ein paar 
Fusseln von meinen Hosenbeinen. „Bi- 
schof, ich habe eigentlich nicht immer 
die besten Entscheidungen getroffen. Es 
hat mir nicht gerade geholfen, daß ich 
sieben Jahre inaktiv war. Wie kann ich 
zu einem Untersucher sagen: ,Ich bin 
immer so gern zur Sonntagsschule ge- 
gangen/ Oder: ,Ich habe nie daran ge- 
zweifelt, daß es wichtig ist, nach dem 
Wort der Weisheit zu leben.' Wie kann 
ich über die Ziele sprechen oder über 
Treue oder über das Zeugnis?" 
„Bekehrte können darüber doch auch 



„Meine Eltern sind ziemlich 

verständnisvoll. Wir haben 

immer recht gut miteinander 

geredet. Als ich nicht mehr zur 

Priestertumsversammlung, 

dann nicht mehr zur 

Sonntagsschule und schließlich 

überhaupt nicht mehr zur 

Kirche ging, haben sie nie 

gedroht oder mich angeschrien. 

Ich bin sicher, daß sie traurig 

darüber waren, aber ich habe 

immer gewußt, daß sie mich 

liebten." 



sprechen, ohne daß sie immer aktive 
Mitglieder waren." 

„Sie haben sich aber auch dafür ent- 
schieden, in die Kirche zu kommen und 
nicht dafür, wegzubleiben." 



„Dafür hast du dich entschieden, zu- 
rückzukommen." 

Ich wußte nicht, was ich weiter sagen 
sollte. Ich konnte nur ein Rascheln hö- 
ren, draußen im Flur. Dann sagte der 
Bischof freundlich: „Das verstehe ich 
nicht ganz. Machst du dir Sorgen über 
deine Würdigkeit?" 

„Bischof, antwortete ich mit fester 
Stimme. „Ich habe mein Leben in Ord- 
nung gebracht. Ich habe nichts zu ver- 
bergen. Ich weiß, daß mich der Herr 
liebt, und ich liebe ihn. Aber bei jeder 
Abendmahlsversammlung höre ich — 
und ich lese es in jedem Konferenzstern 
— , daß der Herr nur die Besten und die 
Zuverlässigsten als Missionare 

wünscht." 

„Ich glaube, ich verstehe dich ein wenig, 
Henry." Bischof Neumeyer hielt inne 
und ließ seine dicken Finger gegenei- 
nanderklopfen. „Hast du mit deinem 
Vater darüber gesprochen?" 
„Nur wenig. Eigentlich habe ich wohl 
kaum etwas gesagt. Jedenfalls habe ich 
ihm gesagt, ich würde heute abend her- 
kommen." 

„Henry, vielleicht ist es Zeit, daß du mit 
deinem Vater sprichst. Ich kenne ihn; ich 
weiß, er ist ein guter Mann. Sprich mit 
ihm, und dann komm wieder und sprich 
mit mir. Abgemacht?" 
Die Unterredung war nicht ganz so 
verlaufen, wie ich es geplant hatte. Plötz- 
lich wußte ich nicht recht, was ich tun 
sollte. „Abgemacht", sagte ich, und wir 
standen auf. Bischof Neumeyer begleite- 
te mich zur Tür, und nachdem er mir die 
Hand geschüttelt hatte, legte er mir den 
Arm um die Schulter. 
„Denk dran", sagte er, „komm wieder 
und sprich mit mir." 
Als ich das Gebäude verließ, überlegte 
ich, ob ich ein paar Freunde besuchen 



28 



sollte. Ich dachte sogar, ich könnte zur 
Uni gehen und durch das Treibhaus 
gehen. Obwohl ich mein Studium abge- 
schlossen hatte, half ich Professor Gott- 
lieb noch bei seiner Sonnenblumenfor- 
schung. Doch dann beschloß ich, mit 
meinem Vater zu reden. 
Meine Eltern sind ziemlich verständnis- 
voll. Wir haben immer recht gut mitein- 
ander geredet. Als ich nicht mehr zur 
Priestertumsversammlung, dann nicht 
mehr zur Sonntagsschule und schließ- 
lich überhaupt nicht mehr zur Kirche 
ging, haben sie nie gedroht oder mich 
angeschrien. Ich bin sicher, daß sie trau- 
rig darüber waren, aber ich habe immer 
gewußt, daß sie mich liebten. Eigentlich 
habe ich meine Eltern nie ignoriert, aber 
ich hatte Freunde und allerlei anderes in 
der Schule und war viel beschäftigt. Als 
ich dank zweier großartiger Heimlehrer 
wieder anfing, zur Kirche zu gehen, habe 
ich darüber nicht viel mit meinen Eltern 
gesprochen. Ich erinnere mich noch an 
die kleine Pause, die entstand, als ich sie 
zum erstenmal bat, mit mir in meine 
Gemeinde zu gehen, und wie mein Vater 
dann sagte: „Wirklich?" 
Ich war überrascht, als ich nach Hause 
kam und das Licht ausgeschaltet und 
das Auto fort war. Ich bemerkte aber, 
daß hinten noch Licht brannte, und ging 
um das Haus herum zum Garten. Dort 
sah ich, wie mein Vater an seinem klei- 
nen, alten Segelboot arbeitete, seinem 
ganzen Stolz und seiner ganzen Freude. 
Als ich noch klein war, sind wir oft 
zusammen segeln gegangen. Mit dem 
Boot war eigentlich nicht viel los. Es 
konnte immer nur einer damit segeln, 
aber wir haben es alle gern probiert, 
auch wenn wir die meiste Zeit im Wasser 
und nicht im Boot verbrachten. Als wir 
alle älter wurden, hatte jeder mehr zu 



tun, und so haben wir das Boot nicht 
mehr viel benutzt. Schließlich stand es 
neben der Garage, bis mein jüngerer 
Bruder es mit dem Auto streifte. Darauf 
stellten wir es hinter dem Haus unter 



„Du mußt dich entscheiden — 

zusammen mit dem Herrn. 

Hast du schon mal mit ihm 

über deine Zukunft und über 

eine Mission gesprochen?" 

„Glaubst du, er wird mir 

antworten?" 
„Das verspreche ich dir." 



einer Plane auf. Nun waren alle Kinder 
aus dem Haus, und Vater hatte wieder 
Interesse am Segeln. Ende letzten Jahres 
hatte er begonnen, an dem Boot zu 
arbeiten. Vor ein paar Wochen hatte ich 
ihm geholfen, es weiß anzustreichen. 
„Schiff ahoi!" rief ich, als ich ums Haus 
kam. 

„Hallo, was für eine Überraschung! Du 
kommst mir gerade richtig zum An- 
packen!" 

„Klasse. Ich war gerade in dieser Ecke 
und habe gedacht, ich komme mal vor- 
bei. Wo ist Mutti?" 

„Ach, bei den Nachbarn. Bist du gerade 
bei Bischof Neumeyer gewesen?" 
„Stell doch nicht immer so direkte Fra- 
gen!" 

„Verzeihung. Ich habe heute abend eben 
über dich nachgedacht. Komm, hilf mir 
mal etwas beim Schmirgeln." Er gab mir 
gelbes, feines Schmirgelpapier, und wir 
fingen beide an zu arbeiten. 



29 



„So", sagte ich, „willst du denn wissen, 
worüber wir gesprochen haben?" 
„Also diese direkten Fragen!" 
Ich lächelte verlegen. „Tut mir leid." 
„Hast du ihm gesagt, daß du zu alt bist?" 
„Hm." 

„Hat er sich damit einfangen lassen?" 
Ich blickte zu meinem Vater hinüber. Er 
grinste mich an. „Nein", sagte ich, „bei 
einem Bischof schafft man das nicht so 
leicht. Und bei einem Vater wohl auch 
nicht." 

„Glaube ich auch nicht. Was hast du 
nun also vor?" 

Ich ging zur hinteren Treppe hinüber 
und setzte mich hin. „Ich weiß nicht. 
Was würdest du mir denn vorschlagen?" 
„Wichtiger ist, wie du selbst denkst. Du 
mußt dich entscheiden — zusammen mit 
dem Herrn. Hast du schon mal mit ihm 
über deine Zukunft und über eine Mis- 
sion gesprochen?" 

Die Worte trafen mich schwer, und ich 
spielte eine Weile mit einem abgerisse- 
nen Grashalm. „Nein", sagte ich leise, 
überrascht, daß der Abend so still war. 
„Macht es dir was, wenn ich dich frage, 
warum?" 

„Vielleicht würde er mir nicht antworten 
oder mich nicht wollen. Ich habe ihn 
schon mal im Stich gelassen." 
Mein Vater fing wieder zu schmirgeln 
an, und ich schaute zum Himmel und 
sah die Venus hell leuchten. „Ist das 
nicht ein herrliches Boot?" sagte mein 
Vater. 

Ich war froh, daß das Thema gewechselt 
war. „Bestimmt. Wirklich schön." 
„Ich hoffe ja, du gehst mal mit mir 
segeln." 

„Kannst dich drauf verlassen." 
„Es könnte uns allerdings untergehen." 
„Ach was", lachte ich. „Es liegt doch 
einwandfrei auf dem Wasser." 



„Nun ja, eigentlich war es schon ein 

Wrack." 

„Aber sieh es dir doch jetzt an", sagte 

ich. „Wir sind doch stolz darauf. Ich 

wäre ja dumm, wenn ich mit einem so 

guten Boot nicht segeln würde." Ich war 

verdutzt und schaute meinen Vater 

scharf an. „Weißt du, es kommt mir so 

vor, als wenn du mir was unterjubeln 

willst." 

„Junge, wir wären alle schlecht dran, 

wenn wir nach einem Fehler nicht von 

vorn anfangen könnten. Dann hätten 

wir keine Aussichten." 

„Ich weiß, Vati." 

„Frag doch mal den Herrn, Henry. 

Vielleicht wirst du überrascht sein." 

„Glaubst du, er wird mir antworten?" 

„Das verspreche ich dir." 

„Danke", sagte ich indem ich meinem 

Vater auf die Hände schaute, die noch 

immer das Schmirgelpapier hielten. „Ich 

danke dir wirklich." 

„Weißt du, Henry, vielleicht könntest du 

fasten, bevor du fragst, Mutti und ich 

würden gern mit dir fasten." 

Wir schmirgelten noch etwas, und ich 
erzählte meinem Vater von der Arbeit 
bei Professor Gottlieb. Als Mutti nach 
Hause kam, sprachen wir zusammen 
über das Fasten. Meine Eltern standen 
voll hinter mir, und wir kamen überein, 
es zu tun. Als ich zu meiner Wohnung 
fuhr, konnte ich den Duft des Regens 
auf den Bergfichten riechen, der sich mit 
dem von Apfelblüten mischte. Ich dach- 
te an einiges, was ich vor dem Fasten 
gern tun würde. Irgendwo wurde mir 
bewußt, daß ich bald Bischof Neumeyer 
anrufen würde, vielleicht schneller, als er 
es erwartete. Und diesmal würde ich 
ohne Ausreden zu ihm ins Büro 
kommen. D 



30 



Ihr könnt wirklich mit schwierigen 
Situationen fertigwerden und als 
Sieger daraus hervorgehen! 



Ich bin immer ganz begeistert, wenn ich 
junge Männer und junge Mädchen ken- 
nenlerne, die sich wirklich gefunden ha- 



ben. Sie entscheiden sich, was für ein 
Mensch sie sein wollen, und bringen 
dann genug Mut auf, um trotz des 
gesellschaftlichen Drucks ein Kind Got- 
tes zu sein, mit dem Er zufrieden sein 
kann. Es stärkt mein Zeugnis, wenn ich 
solche jungen Menschen kennenlerne, 
und ich sehe der Zukunft mit mehr 
Zuversicht und Glauben entgegen. 



„EIN LICHT 

AUF EINEM 

BERG" 



Victor L. Brown 

Präsidierender Bischof 




: 



Ich habe einmal einen jungen Matrosen 
kennengelernt. Er gehörte zur Besat- 
zung eines Atom-U-Boots, das in 
Schottland stationiert war. Er war von 
seiner Besatzung das einzige Mitglied 
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage. Mit dem U-Boot wurden 
weite Kreuzfahrten unternommen, die 
sich über viele Wochen erstreckten. Als 
dieser Matrose auf der ersten Kreuz- 
fahrt seinem Posten zugewiesen wurde, 
stellte er fest, daß die anderen Besat- 
zungsmitglieder die Wände in seinem 
Bereich mit unanständigen Bildern von 
dürftig bekleideten Frauen vollgeklebt 
hatten. Er nahm Anstoß daran, riß alle 
Bilder ab und vernichtete sie. Er wußte, 
wie die anderen wahrscheinlich reagie- 
ren würden, hatte aber trotzdem den 
Mut, so zu handeln, wie er es für richtig 
hielt. Es wurde kein einziges Bild wieder 
aufgehängt. Er fing auf dieser ersten 
Kreuzfahrt sogar an, eine Sonntags- 
schulklasse zu unterrichten, die von zwei 
oder drei anderen besucht wurde. Er hat 
etwas Wichtiges gelernt, nämlich, allge- 
mein ausgedrückt, folgendes: Man wird 
von anderen geachtet, wenn man mutig 
an seiner Überzeugung festhält und sich 
nicht fürchtet, so zu handeln, wie man 
meint, daß es recht ist. 
Bei einer anderen Gelegenheit habe ich 
einen jungen Mann von 14 Jahren ken- 
nengelernt, der hervorragend Tennis 
spielte. Er hatte in einem Gebiet, das 
mehrere Bundesstaaten umfaßte, alle 
Tennismeisterschaften in seiner Klasse 
gewonnen. Er erreichte sogar das Halb- 
finale einer sehr wichtigen Meister- 
schaft; es sollte in einer weit entfernten 
Stadt ausgetragen werden. Als er dort 
ankam, erfuhr er, daß sein Spiel für den 
Sonntag vorgesehen war. Er ging zur 
Verwaltung und sagte, er spiele sonntags 



nicht Tennis. Darauf ließ man ihn wis- 
sen, daß er Sonntag schon spielen müsse, 
wenn er bei dieser Meisterschaft mitma- 
chen wolle. Er wies noch einmal darauf 
hin, daß er am Sonntag nicht spielen 
werde, obwohl er wußte, daß er sich die 
Teilnahme in diesem Fall verscherzen 
würde. Es kam aber so, daß die Spiele 
am Sonntag wegen Regen ausfielen. Er 
spielte am Montag und gewann. 
Hierauffuhr er mit dem Bus, zusammen 
mit den anderen Endspielteilnehmern, 
zu einer anderen großen Stadt, um an 
einer Meisterschaft teilzunehmen, die 
das ganze Gebiet der Atlantikküste der 
Vereinigten Staaten umfaßte. Sie kamen 
am Sonntag an. Der Trainer wies die 
Teilnehmer an, gleich nach der Ankunft 
zu den Tennisplätzen hinauszugehen 
und zu trainieren. Dieser junge Mann 
ging nicht zu den Tennisplätzen. Der 
Trainer fragte ihn, warum er nicht trai- 
niere. Er sagte: „Ich spiele sonntags kein 
Tennis." Der Trainer fragte ihn, warum. 
Seine Antwort lautete: „Ich bin Mormo- 
ne." 

Ich nehme an, daß es ihm über alles ging, 
die Meisterschaft in seiner Altersgruppe 
zu gewinnen. Trotzdem hatte er für sich 
beschlossen, daß es wichtiger sei, den 
Sabbat zu heiligen, als Tennismeister zu 
sein. Ihr seht, er hat sich selbst gefunden, 
und er war mutig und zuverlässig genug, 
sein Leben den Grundsätzen gemäß zu 
führen, die man ihn gelehrt hatte. Er 
fällte seine Entscheidung, ohne sich von 
gesellschaftlichem Druck beeinflussen 
zu lassen. 

Ein anderes Beispiel: Eine Klassenpräsi- 
dentin bei den Lorbeermädchen nahm 
sich vor, ihrer Verantwortung nachzu- 
kommen und ein Mädchen zu aktivie- 
ren, obwohl ihre Führungsbeamten die 



Situation für fast hoffnungslos hielten. 
Ihr Bischof sagte ihr, wegen familiärer 
Probleme und aus anderen Gründen sei 
die Chance sehr gering, daß dieses Mäd- 
chen zur Kirche kommen werde. Die 
anderen in ihrer Klasse lachten, als sie 
erfuhren, ihre Klassenpräsidentin habe 
unter anderem das Ziel, dazu beizutra- 
gen, daß dieses Mädchen zur Kirche 
zurückkomme. 

Trotzdem war sie fest entschlossen, mit 
diesem Mädchen Freundschaft zu 
schließen, und sie nahm auch die Hilfe 
eines Mädchens aus der Nachbarschaft 
in Anspruch. Sie fingen damit an, daß sie 
jedesmal, wenn sie sie sahen, ,, Hallo!" 
sagten und stehenblieben, um ein wenig 
zu plaudern. Dann begannen sie, Grün- 
de zu finden, sie zu besuchen. Als ihr in 
der Schule ein wichtiges Amt übertragen 
wurde, brachte ihr die Klassenpräsiden- 
tin der Lorbeermädchen eine Blume und 
einen kleinen Brief mit Glückwünschen. 
So ging es drei oder vier Monate weiter. 
Schließlich nahm das Mädchen an ei- 
nem Sonntag die Einladung an, zur 
Sonntagsschule zu kommen. In der 
nächsten Woche war sie wieder dort, 
und in dieser Woche besuchte sie auch 
die GFV. Durch ihren Mut und ihren 
Glauben hat dieses junge Lorbeermäd- 
chen eine Altersgenossin dazu gebracht, 
daß sie den ersten Schritt zur Aktivität in 
der Kirche tat. 

Das Leben einer anderen jungen Schwe- 
ster aus einem anderen Land kann als 
Beispiel für Weisheit, Mut und Glauben 
dienen. In ihrem Beruf war sie außerge- 
wöhnlich erfolgreich. Sie war schon et- 
was über das Alter hinaus, das im allge- 
meinen als das heiratsfähige Alter gilt. 
Als kleines Mädchen hatte sie sich schon 
vorgenommen, nur im Tempel zu heira- 
ten, falls sie heiraten würde. In ihrem 



Gebiet gab es fast keine jungen Männer, 
die Mitglied der Kirche waren. Sie hatte 
wohl die Hoffnung aufgegeben, jemals 
heiraten zu können. Doch eines Tages 
lernte sie einen jungen Mann kennen. Er 
war zwar kein Mitglied der Kirche, doch 
traf sie sich mit ihm. Sie verliebten sich. 
Er machte ihr einen Heiratsantrag. Sie 
sagte ihm, sie werde ihn heiraten, jedoch 
nur im Tempel. Darauf erklärte er sich 
bereit, sich von den Missionaren unter- 
weisen zu lassen. Er wurde bekehrt und 
getauft. Sie warteten ein Jahr und lebten 
so, daß sie der celestialen Ehe würdig 
waren. Ich traf sie am Tag ihrer Hoch- 
zeit. Ich glaube, ich habe nie eine hüb- 
schere, glücklichere Braut gesehen. Vor 
Jahren hatte sie sich auf die ewigen 
Segnungen festgelegt, für die sie leben 
wollte, und nun erlebte sie das wunder- 
bare Gefühl, dieses wichtige, ewige Ziel 
trotz fast unüberwindbarer Hindernisse 
erreicht zu haben. 

In der heutigen Welt herrschen allent- 
halben Verwirrung und Widersprüche. 
Wenn jemand, ob jung oder alt, ein Ziel 
und eine Richtung im Leben hat, ist er in 
der Tat glücklich daran. Ich habe nur 
wenige Beispiele dafür genannt, was ein 
junger Mensch tun kann, wenn er er- 
kennt, wer er wirklich ist. Er wird buch- 
stäblich für alle in seiner Umgebung ein 
Licht auf einem Berg. Ich hoffe und bete, 
daß jeder junge Heilige der Letzten Tage 
lesen, nachdenken und beten möge, um 
ein Zeugnis von seinem wahren Verhält- 
nis zum Erretter und ein Zeugnis vom 
Evangelium zu erlangen. In dem Maße, 
wie dies geschieht, wird die Jugend der 
Kirche die Welt noch stärker zum Guten 
beeinflussen und zugleich jenen inneren 
Frieden finden, den man nur vom Vater 
im Himmel erhält — den Frieden, „der 
alles Verstehen übersteigt" (Phil 4:7). D 



33 



EIN CELESTIALER MISSIONAR 



John Jarvis 



Auf einem kleinen, stillen Friedhof in 
Salmon in Idaho wurde Eider Michael 
C. Tolman zur letzten Ruhe gebettet. 
Gerade brachte der Frühling grünes, 
blühendes Leben in die Felder und Berge 
seines Heimatortes. Die Inschrift im 
Grabstein enthält Hinweise auf seine 
Lebensgeschichte: Geboren am 25. Mai 
1957; Gestorben am 1. Mai 1979. Mike 
Tolman kam vom Land. Er war als drit- 
tes von sechs Kindern auf einer Ranch 
im südlichen Idaho aufgewachsen. Er 
liebte das einfache Leben — Reiten, 
Wandern, Zelten und dergleichen. 
Mike Tolman war ein Missionar, ein 
guter Missionar. Einer seiner Mitarbei- 
ter hat in einem Brief an die Familie 



Tolman geschrieben, er könne sich kei- 
nen besseren Titel für Mike vorstellen 
als „celestialer Missionar", was besagen 
soll: im höchsten Grade ein Knecht 
Gottes. Ein sehr passender Titel. Eider 
Tolman trat seinen Dienst als Vollzeit- 
missionar im Juni 1976 in der Virginia- 
Roanoke-Mission in den Vereinigten 
Staaten an. Präsident Joseph McPhie 
und seine Frau fühlten vom ersten Tag 
an, daß er eine besondere Beziehung 
zum Herrn hatte. Sie erinnern sich an die 
Demut und die Liebe, die er ausgestrahlt 
hat: „Er hat uns und all die anderen 
Missionare dadurch inspiriert." 
Präsident Frank Moscon übernahm die 
Führung der Mission während der zwei- 




ten Hälfte von Eider Tolmans Missions- 
zeit. Er sah in ihm einen Missionar, über 
den er sich keine Sorgen würde machen 
müssen. Er wußte, Mike Tolman war ein 
Missionar, der recht handeln würde. Im 
August 1977 berief er ihn als Zonenlei- 
ter. Mehrere Monate später waren Eider 
Tolmans Leistungen so gut, daß sich der 
Präsident inspiriert fühlte, ihn als einen 
seiner persönlichen Assistenten zu beru- 
fen. Bevor diese Berufung ausgespro- 
chen werden konnte, begann jedoch die 
schwere Prüfung, in der Michael Tol- 
man zeigte, was wirklich in ihm steckte. 
Am 30. Januar 1978 erhielt Präsident 
Moscon einen dringenden Anruf aus der 
Stadt, in der Eider Tolman arbeitete. 
Eider Tolman war mit schrecklichen 
Schmerzen in der Brust und Magen 
zusammengebrochen. Die eine Lunge 
war voller Flüssigkeit, die abgezogen 
werden mußte. Präsident Moscon erteil- 
te die Genehmigung dazu, und so wur- 
den aus der Lunge zwei volle Liter 
Flüssigkeit abgezogen. Sodann flog Ei- 
der Tolman nach Roanoke zu einer 
gründlichen Untersuchung. Der Präsi- 
dent erfuhr von ihm, daß er schon seit 
zwei Monaten unter diesen Schmerzen 
litt. Dreimal hatte er einen Arzt aufge- 
sucht. Die provisorische Diagnose hatte 
jedesmal anders gelautet. Nach dem 
dritten Mal war er nicht wieder hinge- 
gangen. Der Arzt behandelte die Missio- 
nare nämlich kostenlos, und Eider Tol- 
man fand, er nehme von der kostenlosen 
ärztlichen Versorgung mehr in An- 
spruch, als ihm zustehe. Später sagte er 
seinen Eltern „Ich habe gedacht, die 
Krankheit geht entweder weg, oder es 
kommt zur Entscheidung." 
Das Ergebnis der Untersuchung in Ro- 
anoke sah düster aus: Krebs. Eider 
Tolmans Eltern (Bruder Jamex Rex Tol- 



man aus der Salmon-Second-Gemeinde 
im Salmon-Idaho-Pfahl und seine Frau) 
flogen unverzüglich nach Virginia. Eider 
Tolman wurde operiert und aus seiner 
Lunge ein großer Tumor entfernt. Noch 
zwei weitere Tumore wurden herausge- 
schnitten. Die Mission fastete für seine 
Genesung. Seine Heimatgemeinde blieb 
mit der Famlie Tolman ständig in Kon- 
takt. Aus allen Teilen Virginias und der 
Vereinigten Staaten kamen Postkarten 
und Briefe. Aber Eider Tolman hatte 
nur eine Sorge: „Das bedeutet doch 
nicht etwa, daß ich nach Hause muß, 
oder?" 

Als die Ärzte vorschlugen, ihn zur Strah- 
lenbehandlung nach Salt Lake City zu 
schicken, hatte er einen Gegenvor- 
schlag: „Lassen Sie mich doch hier in 
Virginia bleiben. Hier kann ich meine 
Mission zwischen den Behandlungen 
fortsetzen." Präsident Moscon beriet 
sich allein mit den Ärzten, um zu erfah- 
ren, wie die Chancen dafür stünden, daß 
Eider Tolman schließlich wieder zu sei- 
ner Arbeit als Missionar zurückkehren 
könne. Für die Ärzte stand alles fest. Es 
gab keine Hoffnung. Eider Tolman war 
unheilbar krank. 

Als Eider Tolman und seine Familie das 
Missionsbüro in Roanoke verließen, riet 
Bruder Tolman Präsident Moscon: 
„Geben Sie Mikes Fahrrad doch einem 
Missionar, der es brauchen kann, falls 
Mike nicht zurückkommt." Der Vater 
wurde sanft, aber entschieden von sei- 
nem Sohn korrigiert: „Vati, warum 
mußt du denn unbedingt , falls' sagen? 
Wenn ich zurückkomme, werden wir 
entscheiden, was wir damit machen sol- 
len." 

Mit dieser Einstellung verließ Eider Tol- 
man die Virginia-Roanoke-Mission. Als 
er in das Flugzeug nach Salt Lake City 



35 



stieg, hatte er im Koffer eine Liste mit 
allen Missionaren in der Mission, allen 
ihren Adressen und einem großen Vor- 
rat an Briefpapier. Von seinem Bett im 
Krankenhaus aus arbeitete er als beson- 
derer Assistent Präsident Moscons. 
Während der nächsten drei Monate 
sorgte er dafür, daß ein stetiger Strom 
von Briefen in die Mission gelangte. 
Während dieser Zeit wurde er für die 
ganze Mission zur zentralen Figur. Er 
verlieh den Missionaren Stärke, so daß 
sie ihre eigenen Schwierigkeiten an- 
packen konnten. Präsident Moscon war 
immer wieder beeindruckt, wenn bei den 
Missionarskonferenzen Missionare auf- 
standen und sagten, sie hätten von Eider 
Tolman einen Brief erhalten, der sie 
irgendwie beeinflußt habe. Viele wählten 
ihn sich als Vorbild. Wenn sich ein 
Missionar am Bein verletzte oder sonst 
etwas erlebte, was ihn normalerweise 
entmutigt hätte, wurde er keineswegs 
langsamer, denn: „Wenn Eider Tolman 
es kann, kann ich es auch!" Eider Tol- 
man schuf Einigkeit in der Mission. Es 
eröffneten sich neue Dimensionen des 
Wachstums. In einem Monat wurden 
128 Taufen erzielt, eine Rekordzahl. All 
das war jedoch nur die Vorbereitung auf 
den Höhepunkt des Dienstes, den ein 
„celestialer Missionar" den Menschen 
in der Virginia-Roanoke-Mission leiste- 
te. 

Am 27. April 1978, drei Monate nach- 
dem Eider Tolman schweren Herzens 
Virginia verlassen hatte, fand Präsident 
Moscon eine Mitteilung, als er zum 
Missionsbüro zurückkam: Eider Tol- 
man werde in einigen Stunden auf dem 
Flughafen eintreffen, man möge ihn 
bitte abholen. Er hatte sein Wort gehal- 
ten. Er kam wieder. Kurz darauf rief das 
Missionarskomitee der Kirche aus Salt 



Lake City an, um dies zu erklären. Man 
hatte Eider Tolmans Behandlung für 
vier Wochen unterbrochen, um zu se- 
hen, ob man den Krebs zum Stillstand 
gebracht habe. Darauf war er sogleich 
zum Missionarskomitee gegangen und 
hatte inständig darum gebeten, daß er zu 
der Arbeit zurückkehren könne, die er 
so liebte. „Wir konnten es ihm nicht 
abschlagen, Präsident." Dies war alles, 
was sie sagen konnten. 
Eider Tolman traf in Roanoke ein und 
begrüßte Präsident Moscon mit einem 
so breiten Lächeln, „daß die Ohren 
Besuch bekamen". 

„Wo komme ich hin, Präsident?" Das 
war alles, was er wissen wollte. Die 
Antwort lautete: überallhin! Er bereiste 
die Mission, arbeitete mit den Missiona- 
ren zusammen und sprach auf Missio- 
narskonferenzen, Pfahl- und Gemeinde- 
versammlungen und Firesides. Joseph 
Draper, ein Missionar aus Bountiful in 
Utah, und auch Assistent des Präsiden- 
ten, der ihn auf seinen Fahrten begleite- 
te, war tief beeindruckt von der Macht, 
womit er sprach. „Er hat nicht nur mich 
enorm begeistert, sondern auch alle an- 
deren, die seine Worte und sein Zeugnis 
gehört haben. Durch seine Prüfung ist er 
in erstaunlicher Weise gestärkt wor- 
den." Ein anderer Missionar, Val Chad- 
wick Bagley aus der Mission Viejo in 
Kalifornien, der während dieser Zeit mit 
ihm zusammenarbeitete, schrieb folgen- 
des in sein Tagebuch: 
„Wir gehen vor Tür zu Tür, und er geht 
einfach. Es macht ihm Spaß . . ., und er 
tut gern etwas, was Spaß macht. Es ist 
eine Freude, mit ihm von Tür zu Tür zu 
gehen, denn ich kann mir nicht vorstel- 
len, daß ihm mal einer böse sein könn- 
te." 
Eider Gordon Johnson aus El Centro in 



36 



Kalifornien hat von den Taufen erzählt. 
„Bevor Eider Tolman kam, hatten wir 
eine Teilmitgliederfamilie fünf Monate 
belehrt. Die ganze restliche Familie ließ 
sich taufen, als er mithalf, sie zu beleh- 
ren." Eine junge, vierköpfige Familie 
wurde ebenfalls belehrt und getauft. 
Eider Johnson hat zusammenfassend 
folgendes über Mike Tolman gesagt: 
„Er hat den Herrn und die Menschen so 
sehr geliebt, daß er alles für sie gegeben 
hat. Er war zu jedem Opfer bereit, um 
dienen zu können." 

Während der Zeit, wo Eider Tolman 
umherreiste und mit den anderen Mis- 
sionaren zusammenarbeitete, erhielt 
Präsident Moscon ständig Briefe, worin 
Dankbarkeit für Eider Tolmans Beispiel 
zum Ausdruck gebracht wurde. In Nor- 
folk in Virginia hörte eine Frau von ihm 
und kam zu dem Schluß: Wenn ein 
junger Mann von seinem Format sein 
Leben geben würde, nur um den 
Menschen von Gott zu erzählen, dann 
lohnte es sich, seine Botschaft zu prüfen. 
Später wurde sie getauft. 
Obgleich diese letzten Wochen herrlich 
für Eider Tolman waren, waren sie doch 
keineswegs leicht. Die früheren Behand- 
lungen und das, was vom Krebs übrigge- 
blieben war, verursachten ihm fast stän- 
dige Schmerzen. Als sie einmal mit dem 
Auto durch das Missionsgebiet fuhren, 
bemerkte Präsident Moscon, daß Eider 
Tolman einen besonders heftigen Anfall 
von Schmerzen zu verbergen suchte. Der 
Präsident verkündete den anderen Mis- 
sionaren im Auto sogleich, daß es Zeit 
für die Mittagspause sei, und es wurde 
eine lange Rast eingelegt. Eider Bagley 
sagte später: „Ich kann mir nicht vor- 
stellen, was er durchmachen mußte, aber 
ich weiß: Wenn er mit mir zusammen 
war, hat man nie gewußt, daß ihn etwas 



belastet hat." Mike Tolman hatte nur 
einen Wunsch: Er wollte eine vollständi- 
ge und erfolgreiche Mission für den 
Herrn erfüllen. Von den Schmerzen 
wollte er sich daran nicht hindern lassen 
und tat es auch nicht. 
Als die vier Wochen, die ihm zugebilligt 
worden waren, zu Ende gingen, fand 
Eider Tolman eine Möglichkeit, zwei 
weitere zu bleiben. Als auch die zwei 
zusätzlichen Wochen zu Ende waren, 
kam er in ruhiger, aber hoffnungsvoller 
Stimmung zu Präsident Moscon. „Präsi- 
dent, können Sie mir eine Verlängerung 
bewilligen?" fragte er. „Ich habe drei 
Monate im Krankenhaus verbracht. Ich 
habe dem Herrn zwei Jahre verspro- 
chen, und ich habe erst 21 Monate voll. 
Ich möchte noch den Rest schaffen." 
Präsident Moscon redete lange mit ihm 
und überzeugte ihn schließlich davon, 
daß sein Bemühen für Gott annehmbar 
sei. 

Der 12. Juni 1978 war ein schwieriger 
Tag für Präsident Moscon, seine Frau 
und alle anderen in der Virginia-Roano- 
ke-Mission. Eider Tolman stieg in Be- 
gleitung von Eider Robert D. Haies vom 
Ersten Kollegium der Siebzig in ein 
Flugzeug und nahm von zwei vollen 
Jahren des Dienens zum letztenmal Ab- 
schied — zwei Jahre, die er nicht einmal 
gegen sein Leben tauschen wollte. 
Es verging kein Jahr, da setzte der Krebs 
dem letzten Kapitel in Mike Tolmans 
Lebensgeschichte ein Ende. In der In- 
schrift auf dem Grabstein in Salmon in 
Idaho steht nur ein kleines Bruchstück 
seines Lebens. Die vollständige Lebens- 
geschichte ist denen ins Herz und ins 
Leben geschrieben, die ihn gekannt ha- 
ben. Für sie gibt es keinen Zweifel: Eider 
Michael C. Tolman war ein „celestialer 
Missionar". D 



.,«*" 




1 



11 i 






J& 



^ 



<>> 



v 



"o 



Ä 



\ 



's? 



& 



# 4 <f 



<* # 



'%•<>" 




1t: 




BBPfV«^